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China

Inspiration - Motivation

Terrakottaarmee, Reisterrassen, China Railway High-speed, Tibetbahn nach Lhasa.

Planung

Die erste Version enthielt ein paar Stichworte mehr: Taklamakan Wüste, China Railway High-speed, Xian mit Stelenwald, Terrakottaarmee und Wildgans-Pagode, Steinwald von Kunming, Shangri-La, Chengdu mit Pandas und Mount Emei, Lijian sowie mit der Tibet Bahn von Xining über Golmud nach Lhasa.

Dann wurde es konkreter: Einreisen werde ich über den 3752 Meter hohen Gebirgspass Torugart, ganz im Westen Chinas. In Kashgar, einer Oasen-Stadt an der Seidenstrasse mit einer über 2000 Jahre alten Geschichte und heute das muslimische Zentrum Chinas, werde ich zum ersten Mal in China übernachten. Bei einem Ausflug zum Karakuli-See sollte ich die ersten zwei Siebentausender (Kongur 7649 Meter und Muztag Ata 7509 Meter hoch) sehen. Ein weiteres Highlight folgt schon bald: die Durchquerung der weltweit zweitgrössten Sandwüste Taklamakan. Mitten in der Wüste ist auch eine Wanderung geplant.

Weiter geht’s in östlicher Richtung bis Nanjing und dann in den Süden, in die Gegend von Guilin. Danach wieder westwärts und schliesslich in nördlicher Richtung nach Xining, wo ich die Tibet-Bahn nach Lhasa nehmen werde. Meine Transportmittel: Fahrer mit Auto, Eisenbahn, Taxi, Bus, Flugzeug.

Auf meiner Route fehlen die grossen Städte wie Beijing und Schanghai, dafür werde ich einige der schönsten Sehenswürdigkeiten Chinas sehen. Da seit Jahren ein Terrakotta Krieger in unserer Wohnung steht, ist es an der Zeit, die Originale in Xian zu besichtigen. Zu den weiteren Höhepunkten gehören Naturschönheiten wie der Zhangye Geopark (Regenbogen-Berge), Zhangjiajie Nationalpark (Vorlage für die Berge im Avatar Film) und Emei Shan (heilige buddhistische Berge). Abseits der Touristenströme, in den bewaldeten Berggebieten Südchinas, werde ich Dörfer der ethnischen Minoritäten der Miao (traditionelle Kostüme und Kopfbedeckungen), Dong (überdachte "Wind-und-Regen-Brücken" und Yao (Reisterrassen) besuchen. In der letzten Woche, auf dem langen Landweg von Chuanzhusi über Langmusi, Xiahe, Tongren und Xunhua nach Xining, werde ich immer wie mehr in das Leben, die Kultur und dem Klosterleben der Tibetischen Bevölkerung eintauchen ...

Verwirklichung

Reiseberichte 14. März bis 26. März 2015, sowie 2. April bis 2. Mai 2015

46. bis 49. Tag; 14. März 2015, Kashgar, Uigurisches Autonomes Gebiet Xinjiang, China

Allenfalls zuerst letzter Tag Kirgistan lesen.

Fortsetzung Kirgistan, Torugart Pass. Was bisher geschah:
... Wir könnten doch den chinesischen Guide anrufen, die Nummer habe ich, und fragen, wann er hier sei? Ein Blick auf mein Telefon zeigt mir aber, dass ich keinen Empfang habe, das gleich gilt für Zhamila. Ab und zu steigt jenseits des Tores ein Soldat aus dem Auto und telefoniert. Aha, die haben wohl ein Militärnetz. Wie wäre es, wenn wir ihn bitten, meine Nummer anzurufen? Aber wie verständigen? Während ich noch überlege, wie ich das angehen könnte, steigt drüben ein Soldat aus und kommt zu uns. Es ist ein Offizier. Es sagt etwas, spricht weder russisch noch englisch, von uns keiner chinesisch. Aber diese Chance will ich nicht verpassen. Also zeige ich ihm die Nummer, deute auf das Handy mache das Telefonieren Zeichen und, er sagt irgendwie "Machina" und geht zum Auto zurück. Was soll das denn jetzt? Aber das Auto setzt sich in Bewegung und kommt rückwärts bis auf die Torlinie. Der Offizier kommt wieder zu uns, deutet auf mich und mein Gepäck und dann geht’s plötzlich schnell. Auch der Fahrer, ein junger Soldat, ist ausgestiegen, wir verladen meine Tasche und meinen Rucksack in den Pajero und schon beginnen sie, das Tor zu schliessen. Hastig muss ich mich von Zhamila, die mir überraschenderweise ein Erinnerungsgeschenk übergibt, und Slava, der mich in die Arme nimmt, verabschieden. Die beiden schlüpfen schnell nach Kirgistan zurück, das Tor schliesst sich ganz und wird mit einem Schloss gesichert. China ist wieder zu. Ich winke den beiden Kirgisen zu und setze mich ins Auto und wir fahren, 1 ½ Stunden nach Ankunft auf dem Pass, die angeschriebenen 4.5 Km zum Checkpoint …

Wir kommen beim Checkpoint an, ich steige aus, nehme mein Gepäck und warte, während die beiden Militärs fortfahren. Zwei Offiziere kommen auf mich zu und verlangen nach meinen Pass. Der eine spricht englisch. Auf meine Fragen hin antwortet er, dass er für 5 Jahre hier stationiert sei und sie täglich rund 70 Lastwagen kontrollieren. Jeweils nach einem Jahr habe er 30 Tage Urlaub. Seine Familie wohne 2000 Km entfernt. Ein weiterer Uniformierter kommt zu mir und gibt mir zu verstehen, dass er mein Gepäck kontrollieren will. Ich öffne meine Tasche und er wühlt und befühlt, schaut beinahe in alles. Den Schlafsack drückt er nur. Am Schluss will er mir freundlicherweise beim Einpacken helfen, aber die Unordnung muss ich selber wieder in meine Ordnung bringen, sonst bringe ich die Tasche nicht zu. Danach offerieren sie mir, in einem Raum zu warten, was ich gerne annehme, denn draussen ist es ... ja ihr wisst wohl was. Irgendeinmal will ein junger Soldat die Türe von aussen schliessen, da mache ich mich sofort bemerkbar und er fragt, nehme ich an, "Was machen Sie hier?" worauf ihm draussen ein Offizier zuruft, nehme ich an, "Ist schon in Ordnung, schliesse nicht ab!". Die Soldaten sammeln sich vor der Türe, nehmen vor dem Offizier Stellung an, und der Zug verschwindet in Einerkolonne, nachdem sie vorgängig den Checkpoint mit Stachelböcken geschlossen haben, in die Pause. Ich bleibe alleine zurück, ohne Pass. Um 13.30 Uhr, zur Erinnerung, um 10.30 Uhr bin ich auf dem Pass angekommen, kommt das Militär zurück und öffnet den Checkpoint wieder. Ich bekomme meinen Pass zurück, aber ohne Einreisestempel, und treffe endlich meinen wartenden Guide Wahap (30 Jahre alt, stolzer Uigure, nicht streng praktizierender Moslem, verheiratet, Vater einer 35 tägigen Tochter, Englisch sprechend, abgeschlossenes Tourismus Management Studium) und einem Fahrer, nur für den heutigen Tag.
Nach zwei Stunden Fahrt kommen wir zur eigentlichen Einreisekontrolle: Gesundheitscheck, ein Infrarot-Temperatur-Messgerät wird auf meine Stirn gerichtet; Pass- und Visa-Kontrolle, nun bekomme ich den Einreisestempel auf das Visa; sowie Zoll, die mein Gepäck durchleuchten und mich fragen, ob ich Karten dabei habe. Was für Karten, frage ich meinen Guide, Landkarten? Ja sagt er, und ja sage ich, was er dem Zollbeamten übersetzt. Der ist nun nicht mehr länger an meinem Gepäck interessiert, sondern will nur noch die Karten sehen. Erstaunt und nachdenkend, welche meiner Karten problematisch sein könnte, öffne ich die Tasche und suche den Plastiksack mit den Karten. Er nimmt sofort die China Karte, faltet sie auseinander und sagt, nach einem Blick auf die Karte rechts unten, zu Wahap, dass diese Karte illegal sei und er sie beschlagnahmen müsse. Erstaunt frage ich nach dem Grund, welchen ich auch erfahre: Die Zugehörigkeit Taiwans sei auf der Karte politisch nicht korrekt dargestellt. Die anderen Karten überfliegt er nur und geht in sein Büro, mit meiner Karte. Ich schliesse das Gepäck wieder mit dem Schloss und folge ihm. Im Büro lasse ich Wahap für mich erklären, dass ich nicht gewusst hätte, ich nicht an Taiwan interessiert sei, aber die Karte für meine Weiterreise wichtig sei. Er könne meinetwegen den Teil Taiwan abschneiden. Er sagt, das ginge nicht, er habe Anweisung von seinem Vorgesetzten zur Beschlagnahmung und zeigt auf dem Bildschirm eine chinesische Anweisung mit einem Bild einer Marco Polo Karte, auf der mit einem Pfeil auf einen Text bei Taiwan gezeigt wird. Darauf bitte ich ihn, mit seinem Chef sprechen zu können. Er sei in einem Meeting, deshalb warten wir halt. Nach einer Weile, ich beginne schon, mich darauf einzustellen, auf die Karte verzichten zu müssen, fragen wir nach und werden weiter vertröstet. Wir warten wieder draussen. Plötzlich geht die Türe auf und er bittet uns herein. Sein Boss habe meinem Vorschlag telefonisch zugestimmt. Ich reiche ihm mein Taschenmesser, damit er die rechte untere Ecke wegtrennen kann, bekomme meine Karte, bedanke mich und wir fahren den Rest nach Kashgar.

Zum Nachtessen führt mich Wahap in ein Uigurisches Restaurant, wo wir Schaschlik Spiesse zur Vorspeise und danach ein scharfes Gan bian chao mian (Nudelgericht mit Fleisch, Gemüse und Chili) essen. Mmmhhh lecker und ohne Zwiebeln.

 

Beim zweiten Blick auf das grosse Frühstücksbuffet kommt mir eine, bei den Reisevorbereitungen gelesene Kritik auf TripAdvisor in den Sinn, wo jemand bemängelt hatte, dass in einem Chinesischen Hotel in China nur Chinesisches Frühstück angeboten worden sei. Nun, ich bin zwar in einem Uigurischen Hotel in China, aber ausser Toastbrot und Konfitüre ist nichts wie im Westen. Oh doch, habe nach einem Spiegelei gefragt; wie isst man das schon wieder mit Stäbchen? Ich versuche von einigen Gemüsen, welche mir schmecken, vor allem die Bambus Sprossen mit Chili.

Die erste Führung mit Wahap steht an. Wir besuchen die 1442 erbaute Idgah Moschee, die grösste in China. Sie würde 20‘000 Gläubigern Platz zum Beten bieten, innen und im Aussenbereich, aber normalerweise kommen 1500 bis 2000 Moslem zum Beten hierher.

Danach gehen wir durch die Altstadt, wo das Handwerkliche Schaffen noch auf der Strasse stattfindet.

Die Wegweiser in fünf Sprachen, Uigurisch, Chinesisch, Englisch, Russisch und Japanisch, täuschen, habe ich doch bisher keinen, ausser meinem Guide, englisch sprechenden Menschen getroffen. Seit einigen Jahren boomen die Elektro-Motorräder, die ohne Prüfung, man merkt's, bereits ab 12 Jahren gefahren werden dürfen.

Ohne Worte, dafür frage ich mit lachenden Gesten, und mit ein bisschen Glück bekomme ich ein nickendes Lachen zurück, ausser beim Mädchen unten links, das ich nicht gefragt habe und wohl deshalb kurz darauf mit Schreien anfängt.

Der Mann bereitet die Hauptzutaten für eine spezielle Suppe vor: Nebst Kräutern und Karotten kommen, mit Feuer „rasierte“ und gereinigte, Schafsköpfe und Schafsfüsse rein. Gemäss Wahap sei’s eine leckere Sache. Nun ja, mag wohl sein.

Wir verabschieden uns und vereinbaren, da wir das Mittagessen ausgelassen haben, dass wir bereits um 18 Uhr Essen gehen. Wiederum führt mich mein Reiseführer in ein Uigurisches Restaurant und wiederum essen wir lecker. Gekochtes Huhn mit Gemüse und Chili, sowie Tofu mit Pilzen. Dazu trinken wir, ob ihrs nun glaubt oder nicht, heisses Wasser in dem Zitrone mitgekocht wurde, die "Teespezialität" des Hauses.

 

Heute freue ich mich auf den Tagesausflug zum Karakuli-See, 3700 MüM, 200 Km Fahrt Richtung Grenze zu Pakistan (400 Km).

Nebel?

Nein, Sand von der Taklamakan Wüste, die ich in einigen Tagen durchqueren werde.

Unterwegs kaufen wir unser Mittagessen ein: Mineral, Früchte Brot und … nein, kein Fleisch.

Kurz darauf erleben wir schon den zweiten Checkpoint. Diesmal müssen Wahap und ich aussteigen, durch einen Zaunkorridor zu einem Häuschen gehen und dort unsere Ausweise, und er zudem Bewilligungspapiere, wichtig mit Stempel, zeigen. Diese Kontrollen seien in Xinjiang, dem autonomen uigurischen Gebiet, üblich. Der beladene Lieferwagen wird gut kontrolliert, ein Militärpolizist steigt auf die Ware und sticht mit einer Stange hinein um zu prüfen, ob sich nicht etwas Hartes, illegales für diese Gegend, darunter befindet.

Haben wir uns verfahren?

Nein, das ist die einzige Verbindungsstrasse zu Pakistan. Eine neue Strasse ist im Bau und sollte bis Ende 2018 fertig erstellt sein.

An einem gefrorenen Stausee machen wir einen Foto- und natural toilet Halt. Die Gelegenheit, um meinen Fahrer Kahreman vorzustellen.

Nach 4 ½ Stunden kommen wir beim 3700 MüM gelegenen Karakuli-See an, wo ich meine ersten Siebentausender, den Kongur (7649 MüM) und den Muztag Ata (7509 MüM) sehe.

Was das menschliche Auge nicht kann, schafft meine Kamera: Ein Panoramablick vom Kongur links, zum Muztag Ata rechts.

Ich mache eine kleine Wanderung (Schuhwerk beachten!). Nah zu den Jaks komme ich leider nicht, da diese über das Eis auf eine Insel gelaufen sind, was ich nicht traue.

Noch schnell auf die Toilette, einen letzten Blick zurück werfen und wir treten die Rückfahrt an, auf der wir auch Kamele sehen.

Gebirgsrallye?

225

Nein, wenn es Platz hat, kann auch überholt werden.

AC/DC's Highway to Hell?

Nein, auf der Rückfahrt nach Kashgar.

 

Beim Besuch des Abakh Hojam Mausoleums mit Mosche, sehe ich zum ersten Mal in China andere Touristen, sie kommen aus Singapur. Während mir Wahap Erklärungen zu den verschiedenen Gräbern gibt, stellt sich ein einzelner Tourist zu uns, hört zu und stellt sogar Fragen. Zu meinem grössten Erstaunen kommt er aus Taiwan, ausgerechnet Taiwan! Ich frage mich, in Anbetracht meines verlorenen Kartenzipfels, ob er wohl seinen Pass noch hat. Herr Hsu übergibt mir seine Visitenkarte von Research Affiliate Institute of East Asian Studies einer Universität in Amerika. Er lebe teils in den Staaten und teils in Taiwan.

Danach machen wir einen Samstag-Spaziergang durch den Sonntagsmarkt, der bereits zu Marco Polos Zeiten existierte. Es gibt allerhand zu sehen. Da ich mich nicht entscheiden kann, ob ich nun meine Reiseapotheke ergänzen soll, sie machen das Schlangen-Frösche-Eidechsen-Pulver frisch vor Ort, oder ob ich Silvia eine dieser farbigen Bettdecken heimschicken soll, lasse ich beides bleiben.

Es gibt aber auch die kurzen Momente von Begegnungen, die ich gerne festhalte.

Da bin ich nun gespannt, auf welches Essen diese Frauen warten.

Ich habe per Email einige Unterlagen erhalten, die ich für kommende Destinationen benötige. Wahap hilft mir, diese an der Hotelrezeption auszudrucken, weil die Menübefehle in Chinesisch mir "Spanisch" vorkommen.
Wahap fragt mich, wie ich essen möchte. Ich mache ihm gerne die Freude, zudem habe ich noch genügend Gelegenheit, Chinesisch zu essen, und bitte ihn, mich wieder in ein Uigurisches Restaurant zu führen. Es ist wohl unschwer zu erraten, was heute unser Abendessen ist.

 

50. Tag; 15. März 2015, Hotan, China

Heute Sonntag besuchen wir den Tiermarkt, der nur sonntags stattfindet. Früher war er am gleichen Ort wie der Markt in der Stadt, und war Namensgeber für eben diesen Sonntagsmarkt. Seit einigen Jahren ist er, aus logistischen Gründen, ausserhalb der Stadt. Die Bauern kommen mit ihren Fuhren zum Teil von weit her. Ziegen, Schafe, Pferde, Esel, Jaks und Kamele werden gehandelt.

Der Umgang mit den Tieren ist nicht gerade zimperlich.

Es ist halt eine andere Welt und dem Leben der Menschen angepasst. Da kann ein kleiner Vorhang schon Luxus sein. Bei der Rückfahrt in die Stadt fahren wir durch eine Strasse, die von einem Markt und dem Verkehr geteilt wird.

Mein Fahrer Kahreman hat eine Freundin, eine Chinesin. Die sitzt in diesem kleinen Auto hinter der Windschutzscheibe und beginnt mit ihm zu sprechen, ungefähr zweihundert Meter vor dem Radar, bis kurz davor, und da es unendlich viele Radarkontrollen mit Fahrzeugerfassungskameras hat, spricht sie fast dauernd. Das nervt mich.
Nerven tun mich auch die vielen Checkpoints. Die Police Checks, fotografieren natürlich verboten, verursachen jedes Mal einen Stau, weil die Fahrbahn verengt wird. Oft wird nichts kontrolliert und der langsame Verkehr nur durchgewinkt, manchmal wollen sie die Papiere vom Fahrer sehen und wiederum ein anderes Mal bleibt Kahreman im Auto und Wahap und ich müssen aussteigen und durch eine Schleuse gehen, wo es eine Kamera hat. Einmal stehen wir 40 Minuten in der Kolonne, bis wir an der Reihe sind. Meine Mitfahrer müssen die ID zeigen, von mir wollen die Kugelsichere Westen tragende, und durch bewaffnetes Militär gesicherten, Polizisten nichts. Manchmal hängen Fotos von Gesuchten auf.

Die 500 Km bis Hotan sind eintönig und langweilig. Die Luft wird, wie näher wir kommen, wie mehr mit Sand vermischt, es ist trübgelblich dunkel. An 200 Tagen pro Jahr sei das Wetter hier so. Auf einer Autobahnraststätte machen wir Pause.

Nach dem Nachtessen in einem speziell dekorierten Restaurant, aus Stein gemacht, gehe ich am grossen „Platz des Volkes“ vorbei, auf dem es von Menschen wimmelt, Musik erklingt und die nebenan beleuchtete Parkanlage mystisches Licht verbreitet.

 

51. Tag; 16. März 2015, Tazhong, in der Taklamakan Wüste, China

Am Morgen höre ich schon wieder Musik aus Lautsprechern vor dem Hotel. Diesmal sind es sich zu Musik bewegende Menschen, alleine, zu zweit tanzend oder in Gruppen. Geduscht und mit frisch gewaschenen Haaren, den Frühstücks Bon bereit, fahre ich mit dem Lift zu Rezeption runter um zu erfahren, wo der Frühstücksraum ist. Im zweiten Stock, wird mir gedeutet. Die offene Tür erinnert mich an vieles, aber nicht unbedingt an einen Essraum. Drinnen ist das Ambiente etwas so freundlich und warm, wie in einem alten Bahnhofwartsaal; ein grosser Raum, grosse Tische, kein eingeschaltetes Licht. Das Chinesische Buffet steht bereit. Ich habe mich ja bereits daran gewöhnt, gekochtes, aber am Morgen jeweils kaltes, Gemüse zu essen, aber hier macht es mich nicht an. Dafür versuche ich eine gelbliche Flüssigkeit, die ich, nach ein paar Löffeln, in die Kategorie fade Schleimsuppe einreihe, Salz oder Pfeffer gibt es nicht; ich esse die Suppe nicht fertig. Mit dem Tee, Kaffee haben sie nicht, habe ich auch meine Mühe, denn die zerkleinerten Teeblätter in meinem Glas kommen auch mit vorsichtigem Schlürfen doch immer mit in den Mund; ich lasse ihn stehen. Die gekochten Eier liegen halbiert in einer Schüssel. Nach dem ersten Bissen stelle ich fest, dass die Schale, halb verdrückt, noch dran ist; ich lasse das halbe Ei halbgegessen zurück. Ein bisher noch nie gesehenes Brötchen hingegen gefällt und mundet mir; ich esse zwei davon. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie ich mir immer wieder einreden muss, dass auch dies Teil meines Abenteuers sei, es dazugehöre. Ja schon, aber in dieser Stimmung und schon am morgen früh?

Bei einem Zwischenhalt auf einem Markt blicke ich hungrig auf die lecker aussehenden Spiesschen. Tapfer verzichte ich und freue mich umso mehr auf die von Wahap eingekauften Früchte und Brote. Er hat Brötchen gefüllt mit Fleisch und, wie er eingesteht, wohl auch mit some onions, gekauft; ich verzichte. Weiter zeigt er mir frisches Fladenbrot, welches er mir am ersten Tag als Willkommensgeste offeriert hat, auf dem es aber obendrauf kleinste Zwiebelstücke hat, die mitgebacken wurden. Der Geruch erinnert mich an Bratwurst mit Zwiebelsauce, also an die Sauce, nicht an die Wurst; ich verzichte. Ich esse nur von den kleinen Orangen und den Bananen, und ein Brötchen von gestern, bekomme aber vom Rest auch mit, da wir alle drei während dem Fahren unser Mittagessen einnehmen.

Wir fahren Kilometer um Kilometer. Einöde links und rechts, dabei sind wir noch gar nicht in der Sandwüste. Es gibt aber welche, die müssen weiter fahren als wir.

Endlich, nach 340 Km Richtung Osten, kommen wir zum Beginn der Wüstendurchquerung. Bis zu unserem Tagesziel liegen noch 210 Km vor uns. Auf einem Stein werden wir zur Wüste Taklamakan willkommen geheissen. Wahap erklärt mit die verschiedenen Bedeutungen dieses uigurischen Namens: "Gestorbenes Meer", "Unendliche Region" und, ganz motivierend, "Wenn du hinein gehst, kommst du nicht mehr zurück". Beim Bau der Strasse wurden beidseitig Büsche angepflanzt, damit der Wind die Strasse nicht mit Sand zudeckt. Es gibt Bewässerungsleitungen für diese Bepflanzungen. Der Unterhalt der Wasserleitungen und der Strasse wird von Arbeitern gemacht, die in den blauen Häusern wohnen, die es alle 10 Kilometer hat. Das Gefühl durch die Wüste zu fahren, kommt leider nicht richtig auf, weil die Büsche die Sicht auf den Sand versperren. Nur ab und zu sind Sanddünen zu sehen, die die Büsche überragen.

Nach 7 1/2 Stunden kommen wir alle drei müde in der Oase Tazhong an. Dabei handelt es sich aber nicht um ein romantisches Plätzchen wie in einem Märchen aus 1001 Nacht, sondern gleicht eher einer Raststätte für Lastwagen- und Busfahrer. Wir nehmen unser Gepäck aus dem Auto und gehen ins Hotel hinein. Wie immer übernimmt Wahap das Einchecken. Diesmal beginnt eine Diskussion mit dem Hotelangestellten. Dieser geht weg und kommt mit einer Frau zurück. Wieder wird diskutiert, nun zu dritt. Nun stellt sich auch noch mein Chauffeur hinzu und es geht hin und her und ich befürchte, dass wir kein Zimmer bekommen. Als die Frau auf mich zeigt, frage ich Wahap, um was es geht. Er informiert mich, dass sie beide mit der ID einchecken können, ich aber zuerst zur Polizeistation müsse um mich dort registrieren zu lassen. Gut, sage ich, statt weiter zu diskutieren, lass uns gehen. Er übersetzt und wir können die Zimmer beziehen. Dann fahren wir zur Polizeistation, die aber nicht so einfach zu finden ist. Nach dreimaligem Fragen finden wir das Gebäude, auf welchem nebst Chinesischen Zeichen auch Police geschrieben steht. Die erste Türe ist offen, die zweite nicht. Durch eine Luke erklärt mein Guide dem fragenden Polizisten, um was es geht. Der öffnet, bittet uns freundlich hinein und führt uns durch einen Korridor in ein Arbeitszimmer mit sieben PC-Arbeitsplätzen, wo wir warten sollen. Ein zweiter, sehr junger Polizist kommt hinzu. Der ältere Polizist verlangt meinen Pass, schaut ihn kurz an und will ihn mir zurückgeben, aber der jüngere ist schneller und lächelnd sieht er sich mein rotes Büchlein an; vermutlich hat er noch nie einen Schweizer Pass gesehen. Kurz darauf kommt ein weiterer Polizist hinzu und nun muss Wahap ein Formular ausfüllen und ich helfe ihm mit meinen Angaben aus dem Pass und von dem Visa. Alles wird kontrolliert, auch die Papiere vom lokalen Reisebüro, und in einem PC erfasst. Alles braucht seine Zeit, weil offensichtlich die Erfahrung fehlt. Wahap meint, dass ich wohl der erste und letzte Tourist sei, der dieses Jahr hier übernachte. Alles sei in Ordnung, sagt der Polizist freundlich, und gibt mir meinen Pass zurück. Er verabschiedet sich bei mir mit Händeschütteln, was die beiden anderen auch tun wollen.

Zum Nachtessen, wir gehen ins Nachbargebäude vom Hotel, schlägt mir Wahap Nudeln, Gemüse und Fleisch vor. Beim Herumschauen bitte ich ihn jedoch, dass ich für mich eine Suppe mit all dem möchte, da diese immer sehr heiss und demzufolge gut gekocht sei.

Im Gegensatz zum Zimmer meiner beiden Begleiter, liegt meines nach hinten hinaus. So höre ich vom Verkehr in der Nacht, meistens schwere Lastwagen, nichts.

 

52. Tag; 17. März 2015, Korla, China

So wenig wie Tazhong eine romantische Oase ist, so wenig ist das Zimmer auf Touristen ausgerichtet. Toilettenpapier und Duschmittel fehlen zuerst. Beim Aufdrehen der Dusche fällt diese samt Wandhalterung aus der Wand, ich schiebe sie wieder zurück und lasse mal das Wasser laufen, da es sandfarbig ist, wie auch die einstmals weisse Frotteewäsche. Nur nicht heikel werden, Ueli! Nach einem Augenschein im Restaurant verzichte ich auf das Frühstück, nachdem ich gestern Abend schon eine innere Alarmstimme gehört habe, die mir höchstens eine Suppe empfahl. Wahap gibt mir einen Beutel 3 in 1 coffee, der im Zimmer mit gekochtem Wasser zu meinem Frühstück wird.

Um halb zehn ferne Peking-Zeit, von der Natur her ist es halb acht, starten wir. Vor uns liegen 570 Km bis Korla; davon mehrheitlich weiter durch die Wüste. Die Sanddünen gefallen mir, der überall herumliegende Abfall weniger.

Später weicht die Sandwüste einer Steppenwüste. Die Büsche und Bäume sehen wie abgestorben aus, so trocken sind sie, grünen jedoch ab Mai, wie mir Wahap erklärt, und die Bäume seien im Herbst schön bunt.

So wie ich gefragt werde, möchten meine Begleiter heute nicht schon wieder nur von Früchten und Brot leben, deshalb stimme ich einem Lunch-Halt zu. Vor dem Restaurant steht ein Spaltstock mit Axt.
Das ausgenommene Fleisch hängt auf und wird, je nach Menüwahl, direkt abgeschnitten.
Die restlichen Teile vom Schaf liegen getrennt für deren Weiterverwendung bereit; alles wird verwendet, ausser das Blut, weil nicht halal.
Vom Prinzip her wohl wie bei uns, in der Ausführung wohl unterschiedlich.

Ich esse das gleiche wie gestern Abend, eine Suppe, lasse mich aber dennoch zu einem frischen Schaschlik, Spiess mit Schaffleisch, überreden.

 

53. bis 54. Tag; 19. März 2015, Tulufan, China

Habe gut geschlafen unter der kuscheligen Bettdecke. Vor dem Frühstück genehmige ich mir im Zimmer zwei von den gestern gekauften 3 in 1 coffee Kaffee und dann, unten im Frühstücksraum, eine Süsskartoffel, ein paar Sojasprossen mit Chili und ein gekochtes Ei.

Heute fahren wir über das Himmelsgebirge nach Tulufan, Uigurisch Turpan, die tiefst gelegene Stadt Chinas, 154 Meter unter dem Meeresspiegel. Zu Beginn der 380 Km langen Strecke fahren wir zügig auf der Autobahn, bis uns ein Unfall zum Stehen zwingt. Ein mit Kohle beladener Lastwagen ist in die Leitplanke, und ein hinter ihm fahrender Lastwagen in ihn gefahren. Ein Teil der Kohle liegt auf der Strasse, ein Teil der Holzladung auf der Böschung. Da bereits Polizei vor Ort ist, darf nicht fotografiert werden.

Bald danach kommen wir ins Gebirge, dessen Formen und Farben mich faszinieren.

Der Hunger meldet sich, wir halten irgendwo an. Zuerst gehe ich auf die Toilette, die ich diesmal nicht fotografiere, Selbstzensur. Ich denke, ein Bauer in der Schweiz käme mit dem Tierschutzgesetz in Konflikt, wenn die, natürlich offenen und nur durch eine halbhohe Wand getrennten, Boxen, so aussehen würden, wie sie hier aussehen. Noch ein Blick hinter das Restaurant und ich setze mich vor dem Restaurant auf die Terrasse und esse Nudeln mit Gemüse und Schaffleisch.

Wieder eine Polizeikontrolle. Diesmal muss Kahreman den Kofferraum öffnen. Wahap sagt mir, dass sie mein Gepäck sehen wollen. Ich steige aus, ziehe meine Jacke an, hänge meine Kamera um, das tue ich immer wenn ich aussteige, nur diesmal mache ich es bewusst langsam, und gehe nach hinten. Tasche oder Rucksack, frage ich. Natürlich steht meine grosse Tasche im Mittelpunkt des Interesses des einen Polizisten, der von anderen Polizisten und anderen Menschen umgeben ist. Langsam ziehe ich meine Tasche auf den Rand des Kofferraums und mache mich daran, das Zahlenschloss zu öffnen. Da sagt Wahap zu mir, ich müsse mein Gepäck doch nicht zeigen. Ein Ranghöherer Polizist hat dies entschieden. Sehr oft geht's bei diesen Kontrollen darum, Macht zu zeigen.
Nach sieben Stunden kommen wir an. Das Hotel Houzhou ist ein Aufsteller, gefällt mir. Ich habe einerseits keinen Hunger und andererseits will ich stattdessen eine mir in den Sinn gekommene Möglichkeit zum übertragen der Berichte ausprobieren. Ich gebe Wahap eine Absage zum Abendessen.

 

Beim Duschen in der Badewanne suche ich den Vorhang vergebens. Macht nichts, mangels nur tröpfchenweisem warmen Wasser gibt’s eh nur eine Katzenwäsche. Dafür finde ich beim Frühstücksbuffet Toastbrot und einen Toaster, Butter und zweierlei Konfitüre. Messer gibt’s keines, dafür kommt mein Sackmesser zum Einsatz. Heute ist letztmals Sightseeing mit Fahrer Kahreman und Guide Wahap, der fünf Mal in die Tasche greifen muss, um Eintritte für mich zu bezahlen.

Auf der Fahrt zu Qocho City, einer rund 2000 Jahre alten Ruinenstadt, sehe ich gleich zwei für mich nicht alltägliche „Dinge“; das eine bewegt sich, das andere schaut mich an.

Eindrücklicher ist die Fahrt in die „Flammenden Berge“, die im Sommer bei 50 Grad aussehen als würden sie brennen. Wir besuchen die Buddha-Grotten Beziklik.

Nach einer Mittagspause, für mein Team ein Mittagessen, für mich ein Mittagsschläfchen, geht’s zur zweiten Ruinenstadt, Yar City, die rund 2300 Jahre alt ist. Viel zu sehen gibt’s auch hier nicht mehr, aber doch viel mehr als dereinst von uns.

Lebendiger und eindrücklicher wird’s im Bewässerungssystem Karez, das mit rund 11 Km Länge und 440 vertikalen Schächten, das längste der Welt sei. Was vor 300 Jahren begonnen und seitdem unterhalten und erweitert wurde, ist noch immer für die Landwirtschaft, mehrheitlich Trauben, im Einsatz. Man sagt, aus der fruchtbaren Oase Tulufan komme der beste Wein Chinas.

Als letztes steht das alte Emin Minarett und die Sulaiman Moschee auf unserem Programm.

Und nun haben wir uns ein Abendessen bei der Weinbauernfamilie Mahmud verdient. Zur späteren (Touristen-) Saison findet dies unter Schattenspendenden Trauben statt. Schatten brauchen wir keinen, es ist genügend kühl geworden. Als eines der vier Kinder auf mich schiesst, schiesse ich mit meiner Kamera zurück.

Blick aus meinem Hotelzimmerfenster auf den noch trockenen Park und das Hotel Huozhou bei unserer Heimkehr.

 

Persönliches Während ich mich in China herumschlage, hat mein jüngerer Sohn am Global Limits in Sri Lanka, vom 6. bis 13. März 2015, teilgenommen:
"History was made today at the final conclusion of Global Limit’s The Wild Elephant Trail Multi Stage Race. After 210 km of running and walking through forests, trails, and village paths through 35 degree heat and 80% humidity 52 runners crossed the finish line. All 52 runners had started the race 6 days ago, an incredible first 100% finish rate for Global Limits. This race was also the first ever multi-stage ultra-running race in Sri Lanka. The runners left camp at dawn this morning to run or walk the final 13.8 km and then climb the 1860 steps carved into the side of the famous Sigiriya Rock to reach the finish line on the summit. Intermittent stunning views were interspersed with dramatic light and banks of fog and rain which pelted down on some of the relieved finishers. The success of this race was assisted by an excellent support team with a ten person strong international volunteer crew, including two doctors on the medical team. A large team of local crew made camp every day, set up hot water every evening for runners, and drove the four wheel drive vehicles and tuk tuks that transported water and volunteers from check point to check point. The elated runners and their support team are now relaxing in the 5 star resort which is also the location for the final award ceremony."
Daniel, ich gratuliere dir zu deinem 6. Gesamtrang, resp. 5. Rang bei den Männern und wünsche dir gute Erholung. Nach Kambodscha, in Bhutan warst du als Helfer dabei, bereits dein zweiter Global Limits.

 

55. bis 58. Tag; 23. März 2015, Zhangye, Provinz Gansu, China

Tulufan Heute ist mein Frauentag. Zuerst sehe ich im Frühstücksraum die allein reisende Frau mit den beiden Kindern wieder, die ich gestern bei den Ruinen gesehen habe. Bei der Kaffee- und Teestation treffen wir uns und beginnen mit einem small talk. Irgendeinmal frage ich From where you are? und bekomme als Antwort From Switzerland. German part? frage ich nach und sie antwortet „Wir können wohl schweizerdeutsch sprechen.“ Die Welt ist klein. Patricia, aus Basel, lebt und arbeitet seit vier Jahren fürs EDA in Tadschikistan. Sie macht mit ihren beiden Kindern, Sohn Tibor und Tochter Amalia, eine Ferienreise in China. Später lache ich mir eine lokale Braut an.

Da mein Zug erst nach Mitternacht fährt, habe ich Zeit, viel Zeit. Ich schlendere mit offenen Augen umher. In einem Shopping Center werden die neuesten Grossbildschirme den möglichen Käufern mit farbigen Bildern, auch aus der Schweiz, schmackhaft gemacht. Frühlingsausstellungen von Töff- und Velo-Geschäften wie bei uns. Und bei all dem, ich bin nicht alleine. Big Brother ist mit mir, viele Kameras auch im Fussgängerbereich.

Frühlingsboten und Frühlingsmüdigkeit.

Die Grosseltern, die ihre Grosskinder betreuen, spüren wohl den Grossvater in mir, so dass sie laut lachend und kommentierend mir ihre Schützlinge vor die Linse positionieren.

Heute Abend essen wir ganz fein, habe einen Tipp erhalten. Das beste Restaurant der Stadt soll es sein, das Herembar, wohl zum letzten Mal esse ich in China muslimisch. Dann fahren wir zum Bahnhof, wo meine Begleiter in einem Hotel für eine Nacht einchecken. Wir warten alle drei in ihrem Zimmer, bis es soweit ist. Ich verabschiede mich von Wahap und von Kahreman, mit denen ich über eine Woche zusammen war. Damit geht auch die von RHZ Reisen, auf meine Vorstellungen abgestimmte, Reise zu Ende. Ein Dank nach Baden, es hat alles geklappt, Rahel Mumprecht!

Die erste Kontrolle, Pass und Bahnticket, passiere ich problemlos. Bei der zweiten muss ich meine Tasche, mein Rucksack und meine Kameratasche durchleuchten lassen und ich selber werde von einer sehr jungen und sehr breiten Security Mitarbeiterin abgetastet. An mir etwas Hartes fühlend, will sie es sehen. Nichts ahnend zeige ich ihr mein Taschenmesser. Nun macht sie grosse Augen, schaut zu ihren Kolleginnen und Kollegen, die auf einer Bank sitzen aber keine Reaktion zeigen, was mir Mut gibt. Ich packe meine sieben Sachen und laufe weiter. Ein Bahnangestellter zeigt mir, nachdem ich ihm mein Ticket hingestreckt habe, wo ich warten soll. Nun kommt eine der vorher nur passiv sitzenden Kollegin zu mir und spricht auf mich ein. Obwohl ich weiss, was sie will, mache ich auf "nix verstehen" und zeige ihr sogar meinen Pass. Daraufhin ruft sie die sehr junge und sehr breite Kollegin, die kommt und zeigt auf meine Hosentasche. Sie bedeuten mir, mitzukommen. In der Ecke hat es ein Police Büro, wo wir hineingehen. Ein Polizist spricht ein bisschen englisch. Ich erkläre ihm bittend, dass dies ein Tool sei, das ich auf meiner Reise brauche. Er hat Erbarmen, fotografiert mit seinem Mobiltelefon meinen Pass, zusammen mit meinem Ticket und Messer. Ich arrangiere das Messer so, dass der Schriftzug "Ueli" sichtbar ist. Er nimmt gleich noch alle sich im Pass befindlichen Visa auf und lässt mich dann ziehen, mit meinem roten Multi-Werkzeug.
Auf der Anzeigetafel sind für mich nur die Zugnummer und das Perron lesbar. Der Zug fährt ein, ich steige in den Soft Sleeper Wagen Nr. 10 ein und suche mein Bett Nr 005 im 4er-Ab1teil, in dem ich alleine bin.

Dunhuang Nach einer Nacht mit mehreren Schlafphasen, werfe ich einen Blick auf die veränderte Natur und in People’s Railways Daily; nichts für mich relevantes steht drin, kein Wunder, ist die Zeitung doch schon ein paar Tage alt.

In Liuyuan komme ich nach neun Uhr morgens, mit einer Stunde Verspätung, an, ich steige aus und werde von einem Guide mit Fahrer empfangen. Nun bin ich organisatorisch in den Händen von "Hiddenchina.net". Der Guide holt mit meinem Pass die Bahntickets für meine nächsten drei Strecken. Dann fahren wir rund 2 ½ Stunden nach Dunhuang, wo wir zuerst ein Eintritts Billet für die Buddha Grotten für 13 Uhr kaufen. Danach geht's zum Hotel, wo die Rezeptionistinnen auf- und stramm stehen, wenn sich ein Gast der Rezeption nähert (die Weltkarte aus einem anderen Blickwinkel). Ich verabschiede mich vom Guide, der für mich noch einen Kollegen organisiert, der Taxi fährt, mit dem ich am Nachmittag eine Tour mache.

Mein erstes Ziel sind die Mogao Buddha Caves. In der Hochsaison werden diese von rund 5000 Menschen besucht. Hier treffe ich wieder auf Patrizia mit ihren beiden Kindern, die gestern einen früheren Zug genommen hat als ich. Sie ist mit Simon als Guide unterwegs, der mir einige Informationen über meine nächsten Destinationen gibt, da er die Organisation vor Ort gemacht hat. Wir werden zu einer Schweizer Minigruppe zusammengelegt, weil es nicht viele Englisch sprechende Führerinnen hat. Zu Beginn der Führung gibt es zwei gut gemachte, eindrückliche, Filme, der eine in einem 360° Saal. In Natura ist dann leider alles ganz anders, kann doch nur ein ganz kleiner Teil besichtigt werden. Die uralten Malereien und Statuen werden nur von der wackelnden Taschenlampe unserer schwierig zu verstehenden Führerin beleuchtet. Es darf nicht fotografiert werden und die, in den Filmen gesehenen schönsten Grotten und Buddha’s, können oder dürfen nicht besichtigt werden.

Ich verabschiede mich definitiv von Patrizia, denn unsere Wege werden sich nicht mehr kreuzen können, und ich fahre mit meinem Taxifahrer an den Rand der Wüste. Dort miete ich orange Stulpen, denn ich will das Highlight dieses Ortes, von oben sehen. Zuerst versuche ich eine eigene Aufstiegsspur in den Sand legen, breche aber dann ab und benütze die Aufstiegsleiter.

Oben angelangt erwarten mich weitere Sanddünen und der Crescent Moon Lake. Ein optischer Leckerbissen!

Ich bin nicht alleine, der durch den Sand wandelt.

Da ich zum Frühstück und zu Mittag nur Biskuits gegessen habe, macht sich der Hunger immer wie mehr bemerkbar. Ich lasse mich vom Taxifahrer zum Hotel zurück fahren und laufe zum nahe gelegenen Nachtmarkt, wo ich in einem der vielen Restaurants esse. Ich bestelle Esel, aber nicht den auf der Menükarte aufgeführten Donkey penis, sondern eine Art Braten, und dazu gelbe Nudeln. Es schmeckt mir.

Jiayuguan Mit meinem gestrigen Taxifahrer habe ich abgemacht, mich um 08.30 Uhr abzuholen. Er ist pünktlich und fährt mich zum Bahnhof von Dunhuang wo ich ihm die abgemachte Pauschale bezahle. Ich habe mich damit abgefunden, dass ich mich heute von meinem „Sackhegu“ verabschieden muss, weshalb ich ihn wie gewohnt in der linken Hosentasche habe, mit einer sichtbaren Kette an einer Gurtschlaufe festgemacht. Umso erstaunter bin ich, dass ich trotz Pfeifton, es pfeift bei allen, von der Security Mitarbeiterin nur ein paar Streicheleinheiten mit ihrem Scanner bekomme und danach mein Gepäck nehmen kann. Mein Zug Nr. K592 von Dun Huang nach Jia YuGuan, Schreibweise wie auf dem Billett, fährt um 09.30 Uhr, ich habe noch eine halbe Stunde zu Warten, die ich nutze, um den Security Check zu beobachten. Danach reift in mir der Gedanke, dass ich versuchen will, mein „Victorinox-Ueli“ heil durch alle noch vor mir liegenden Kontrollen zu bringen. Ich spiele eine paar mögliche Szenarien gedanklich durch, die ich während dem Tage in der Praxis verfeinere.

Um 14.01 Uhr komme ich in Jiayuguan, meinem nächsten Sightseeing Ort, an, wo ich von einem nur Chinesisch sprechenden Fahrer abgeholt werden sollte. Ich komme aus dem Bahnhofgebäude raus, sehe zwar viele Fahrzeuge und Fahrer, aber keinen der auf mich einzigen Ausländer zukommt. Ich überlege mir, wie lange ich warten soll, bis ich reagieren muss. Aber da kommt doch ein Mann auf mich zu mit einem Blatt Papier in den Händen, worauf meine Name geschrieben steht.

Wir fahren zur Cheng Lou Festung raus. Ich bin nun am westlichen Ende der Chinesischen Mauer, The Great Wall, auf der ich vor Jahren, in der Nähe vom, von hier aus betrachtet, weit entfernten Peking, gelaufen bin. Diese Festung war während einigen Jahrhunderten eine strategisch wichtige Station an der Seidenstrasse. Bevor ich durch die Wenchang Hall trete und damit meine Besichtigung starte, fotografiere ich eine Luftaufnahme, um die Dimension der ganzen Anlage verdeutlichen zu können.

Der Guandi Tempel.

Ich komme immer wie weiter in die Festung hinein. Die dicken Mauern zeigen, wie massiv hier gebaut worden ist. Diverse Gebäude für die Soldaten und die verschiedenen Generäle, die während unterschiedlichen Epochen hier residierten, können besichtigt werden.

Musik klingt aus Lautsprechern in der ganzen Anlage, die sehr gut erhalten ist, weil schon während den verschiedenen Dynastien, wie auch in der jüngeren Vergangenheit, immer wieder renoviert worden ist. Die Chinesische Musik, zusammen mit den Erlebnissen, die aus dem Tempel und den verschiedenen Gebäuden zu spüren sind, lassen mich viele Jahrhunderte in der Geschichte zurückgleiten und träumen von einer fremden, längst vergangenen Zeit. Ich bin fasziniert von diesem von Menschen geschaffenen Ort, von den Dimensionen der Festung, den dicken Mauern.

Ich gelange zum West Tor der Festung und trete hinaus, um den Blick von aussen geniessen zu können.

Ich kann mich kaum lösen. Noch ein Blick in die nicht so fernen Berge, ein letzter Blick zurück, dann gehe ich nach gut drei Stunden zum Parkplatz, wo mein Fahrer gewartet hat. Er fährt mich zu einem Restaurant in der Nähe des Bahnhofes, wo wir uns verabschieden.

Mein Zug weiter nach Zhang Ye fährt erst um 21.08 Uhr, so kann ich gemütlich ein feines Essen geniessen. Gedanklich und prüfend fühlend spiele ich nochmals meine Strategie durch, gehe danach rechtzeitig zum Bahnhof, um allenfalls Zeit für ein Notszenario zu haben, und wage mich „in die Höhle des Löwen“. Es hat funktioniert. Aber nun nicht übermütig werden, vor mir liegen noch weitere fünf Eisenbahnfahrten in China. Ich habe genügend Zeit, um auch hier die Art der Kontrollen und anderes zu beobachten.

In meinem Soft Sleeper Abteil bin ich wieder alleine, so dass ich mich breit mache, das Notebook hervornehme und diesen Bericht, wie üblich, vorerst in Word erfasse.

Zhangye Ich muss aufpassen, dass ich mit den Tagen kein Durcheinander bekomme, denn es folgen einige Eisenbahnfahrten mit speziellen Ankunfts- und Abfahrtszeiten. Die Wagenschaffnerin kommt um 23.40 Uhr zu mir und gibt mir zu verstehen, dass ich mich zum Aussteigen bereit machen soll. Es ist kurz nach Mitternacht, als ich in Zhangye aussteige. Es ist ein spezielles Gefühl, auszusteigen ohne kontrollieren zu können, ob es der richtige Bahnhof ist. Auch jetzt, im Bahnhof, gibt es nur Chinesische Zeichen. Den aufkommenden Gedanken, wie es wohl wäre, festzustellen, dass ich irgendwo bin, aber nicht am richtigen Ort, unterdrücke ich schnellstes, will ja keine Panik aufkommen lassen. Durch das noch geschlossene Ausgangsgitter sehe ich bereits einen Mann mit einem weissen Papier in den Händen, worauf „Ueli meyes“ geschrieben steht. Ich atme auf. Er fährt mich nicht in das von mir erwartete Hotel, sondern in ein anderes. Der Fahrer wird mich um 15 Uhr zu Besichtigungen abholen. Bei der Rezeption kommt mein Übersetzungs-App Englisch-Chinesisch zum ersten Mal zum Einsatz, weil anscheinend das Zimmer für die beiden Nächte noch nicht bezahlt worden seien. Wir verschieben das Problem auf morgen und ich bekomme mein Zimmer. Kurz nach ein Uhr lege ich mich ins Bett.

Konnte nicht gut schlafen, weshalb ich viel früher aufstehe als geplant. Der gestellte Wecker kommt nicht zum Einsatz. Ich dusche, wasche meine Haare und ein paar Unterhosen und gehe ins Restaurant, natürlich nachdem ich mich angezogen habe. Ich habe auf meiner Reise noch nie so viele Menschen beim Frühstück gesehen wie hier. Als ersten Gang nehme ich mir ein Spiegelei. Mit Gesten versuche ich bei einer Restaurantmitarbeiterin Salz zu bestellen. Sie sagt etwas auf Chinesisch, ich hebe die Schulter und sie bringt mir in einem Schälchen Essig. Ich sage euch, es geht auch; versucht's mal, muss ja nicht immer alles gleich sein. Im zweiten Gang lasse ich mir eine frische Nudelsuppe machen. Zurück im Zimmer, kopiere ich diesen Bericht von Word in mein Website Programm, redigiere ihn allenfalls, hoffe ich entdecke alle Fehler, und füge, die vorher in die Datei Images kopierten und verkleinerten, Fotos ein. Nun gehe ich nach unten in die Eingangshalle, wo es WiFi Empfang hat, um zu versuchen, die Daten an den Server in der Schweiz zu übertragen. Es ist obermühsam - ich verplempere Stunden damit, und immer noch sind nicht alle Fotos übermittelt.

 

59. bis 60. Tag; 25. März 2015, Pingyao, Provinz Shanxi, China

Zhangye Kurz vor drei Uhr nachmittags fährt mein Fahrer vor dem Hotel vor; wir fahren zum in der Stadt gelegenen Giant Buddha Temple.

Auf dem Platz davor gibt’s schon einiges zu sehen. Männer malen mit Wasser schnell vergängliche Schriftzeichen auf den Boden, aus dem Kopf, oder nach Vorlage. Skateboarding: Der Sprung mit Drehbewegung gelingt, die Landung mit den Beinen auf beiden kleinen Brettern nicht immer.

Im Tempel, erbaut aus Holz im Jahr 1098, ist der grösste, liegende Indoor Buddha Chinas. Es darf nicht geblitzt werden, meine Sony schafft das auch ohne.

Danach fahren wir rund 35 Km zur Stadt raus, zum Geological Park. Die nicht versprochene Sonne kommt auch nicht, so dass die Regenbogen farbigen Hügel mir nicht ihr volles Potential bieten. Zusammen mit acht - acht? ja, einer sitzt neben mir - Chinesinnen und Chinesen sitze ich in einem Bus der uns von Station zu Station fährt, wo alle aussteigen, herumgehen und das Sehende mit den verschiedensten Linsen einfangen,

Zurück in der Stadt habe ich Lust in China Town, diese Strasse würde wohl im Ausland so genannt werden, essen zu gehen.

Was köchelt denn da draussen so friedlich vor sich hin? Ich esse in einem Restaurant. Nach meiner Bestellung kommt die Serviererin zurück und schreibt auf einen Zettel, weil ich ihr englisch nicht verstehe, Spicy. Ich schaue in die Menükarte, sehe drei rote Symbole, denke „Drei von wie vielen?“, „Drei in China?“, und sage okay. Mein Pfännchen vor und nach dem Essen. Der Rest besteht hauptschlich aus Chili, den ich nicht gegessen habe Die kleinen Tintenfischarme waren scharf genug.

Ich gehe zurück ins Hotel, hole nochmals das Notebook vom Zimmer runter an die Rezeption um Daten zu übermitteln, leider ohne Erfolg. Dann bitte ich die Rezeptionistin mit Hilfe ihres Übersetzung Apps, dass sie mich um 01.00 Uhr wecken sollen, stelle meinen Wecker auf 00.45 Uhr und lege mich schlafen.

Duschen, packen, den Zimmer Batch abgeben, es ist 01.30 Uhr, und mein Fahrer kommt. Am Bahnhof wie gewohnt zuerst Pass und Ticket zeigen, dann durch die Sicherheitskontrolle (smile) und ein Plätzchen zum Warten suchen. Ich bin nicht der einzige um diese Zeit am Bahnhof. Irgendeinmal sammeln sich Menschen, trotz fehlender Anzeige meines Zuges, beim Ausgang. Ich „frage“ einen Wartenden, ob sie auf Zug Z70 wollen, was er bejaht. Durch den Ausgang, Treppe runter, Unterführung, Treppe hoch und bald danach kommt der Zug. Ich steige in Wagen Nr. 13 ein. Beim Öffnen der Abteiltüre rieche ich, dass ich diesmal nicht alleine sein werde; drei der vier Betten sind mit schlafenden Menschen belegt. Am Morgen sehe ich meine Mitfahrende, eine Grossmutter (Mutter?) mit ihrer Enkelin (Tochter?) und ein Mann. Irgendeinmal kaufe ich mir beim mobilen Verkaufswagen mein Mittagessen. Um 15 Uhr komme ich in Taiyuan an, welches aber noch nicht mein Tagesziel ist. Draussen vor dem Bahnhof treffe ich eine Kontaktperson, die mir meine Tickets für die nächsten zwei Bahnstrecken übergibt. Dann heisst es wieder warten. Ich gehe in der Sonne auf dem Platz herum und sehe wiedermal westliche Zeichen, Spar, McDonald’s und KFC. WiFi süchtig konsumiere ich in beiden Food Restaurants etwas, um festzustellen, dass es mit der Verbindung doch nicht klappt. Zurück zum Bahnhof, durch die Pass-, Billett-, Gepäck- und Körperkontrollen (smile) durch und weiter warten. Mehr als eine halbe Stunde vor Abfahrt (19.06 Uhr) kommt Unruhe in die Wartenden und sie bilden schon Schlangen vor den Ausgangstüren. Da ich von Touristen gelesen habe, die Züge verpasst haben wegen zu vielen Menschen, stehe ich auf und reihe mich auch ein. Diesmal habe ich einen Hard Sleeper, die Fahrt dauert aber nur rund drei Stunden.

Pingyao Am Bahnhof werde ich von zwei Frauen abgeholt. Sie fahren mit mir durch das Stadttor hindurch und in die Altstadt, das eigentliche Ziel dieser gewählten Destination, zum Hotel. Der Anblick und die Ambiente entschädigt die mühsame Anreise.

Der Hoteleingang, der zwischenzeitlich beleuchtete Innenhof und mein Zimmer.

 

Persönliches Per e-Mail erhalte ich oft auch Fragen. Einige davon will ich auch hier beantworten:

Hast du nicht Heimweh? Doch, natürlich, aber ich denke, das gehört dazu. Manchmal ist es weniger stark, manchmal mehr. Es kommt auch vor, dass Tränen fliessen.

Wie kannst du dir all die Namen merken? Da benütze ich verschiedene Hilfsmittel wie aufschreiben, Eintritts- und andere Ticket bis zum Schreiben aufbewahren, Informationstafeln fotografieren.

Wie kannst du all das Erlebte verarbeiten? Das ist unterschiedlich. Mit dem Schreiben der Berichte erlebe ich vieles noch einmal. Gewisse Erlebnisse sind so eindrücklich, dass ich sie wohl mein Leben lang in Erinnerung behalten werde. Anderes geht  vergessen, oder, wie das Negative, wechselt in ein neutrales Erlebnis. Einiges kommt mit dem Betrachten von Fotos oder beim Lesen der alten Berichte wieder zum Vorschein.

Hast du viele Begegnungen? Wenn ich mit einem englisch sprechenden Guide zusammen bin, erhalte ich am meisten Informationen, auch persönliches wird ausgetauscht. Wenn ich alleine bin, gibt es zwar viele, aber halt nur oberflächliche Momente der Begegnungen von zwei sich gänzlich unterschiedlichen Kulturen die sich nicht verstehen. Die Sprachbarriere ist ein grosses Hindernis.

Ist es nicht mühsam, so alleine zu reisen? Manchmal ja, mehrheitlich nein. Ich bin ja nicht zum ersten Mal alleine auf einer Reise. Zudem war ich während meiner beruflichen Tätigkeit doch auch oft im Ausland und war, vor allem abends, meistens alleine. Mit dem kann ich umgehen. Am Mühsamsten ist die oft stundenlange Warterei bis es weiter geht. Da kann es vorkommen, dass ich alle fünf Minuten die noch verbleibende Zeit ausrechne.

Hast du nicht Angst? Eigentlich nicht. Respekt ja, manchmal ein komisches Gefühl. Es braucht eine Portion Selbstsicherheit. Da ich alleine unterwegs bin, stehe ich oft im Zentrum der Blicke der Menschen um mich herum, sie starren mich an. Oft wird getuschelt über mich, und gelacht. Da lächle ich halt zurück.

Wie kommst du mit dem Fremden zurecht? Seit meinem Trip 1974 nach Indien, bin ich vom Fremden fasziniert, es zieht mich an. Das wichtigste was es braucht, ist Flexibilität. Damit meine ich aber nicht Zeit oder Planung, da bin ich nicht so flexibel. Ich denke eher an die Bereitschaft, nicht zu vergleichen und nicht zu bewerten, was mir aber nicht immer gelingt, sowie die Bandbreite der Toleranz auszudehnen in Bezug auf die Hygiene, das Essen, die Gerüche, die Geräusche und die optischen Eindrücke. Auch dabei kam ich schon an das Ende meiner persönlichen Ausdehnung.

 

Pingyao Heute vor zwei Monaten bin ich in Cham losgefahren; kann das irgendwie nicht einordnen, habe das Zeitgefühl verloren. Ohne Dusche, bin anscheinend ein Warmduscher, zum Frühstück, dann packen und das Gepäck an die Rezeption bringen und los geht’s. Das Hotel liegt in der Altstadt an der West Strasse, die bald einmal Verkehrsfrei wird, ausser Velos und Elektro-Töffli. Mein Schweizer Pass öffnet mir alle Museumstüren. Beim ersten Museum gibt man mir beim Drehkreuz zu verstehen, dass ich die Eintrittskarte beim Ticket Office kaufen könne. Zu meinem Erstaunen verlangen sie dort meinen Pass, kleben einen Strichcode hinten drauf und fertig; ich muss nichts bezahlen und kann die vielen Museen gratis besuchen.

Das Ambiente gefällt mir sehr. Die Museen, in Original-Häusern und mit echter Ausstattung und Wachsfiguren, vermitteln einen lebhaften Einblick in das damalige Leben. Pingyao war bis Ende des 19. Jahrhundert ein wichtiges Handelszentrum mit Banken und Geldtransporten.

Es geht nicht lange und ich versinke in Erinnerungen die gar nicht vorhanden sind. Oder vielleicht doch? Habe ich in einem früheren Leben als Buchhalter im Pingyao des 18. oder 19. Jahrhundert gelebt? Das würde auch meine Asien-Begeisterung erklären. Zudem ist doch eine gewisse Ähnlichkeit zu diesem Head accountant vorhanden, oder nicht?

Von der Stadtmauer, die während der Ming Dynastie gebaut worden und noch vollständig erhalten ist, habe ich einen schönen Blick über die Altstadt.

Ich besichtige auch einige Tempel, auch den von Konfuzius.

Im Chinesischen Kalender bin ich im Jahr der Schlange geboren, die ich hier berühre. Dann muss ich mal und ich staune, ihr wohl auch.

Aber ich besichtige nicht nur Zeitzeugen aus vergangenen Zeiten, auch die Gegenwart ist interessant.

 

60. bis 61. Tag; 26. März 2015, Xi'An, Hauptstadt Provinz Shanxi, China

Pingyao Nach dem Bummel durch die faszinierende Stadt, genehmige ich mir eine Massage, in den Kleidern, mit Fussbad und Pedicure. Die anschliessende Fahrt vom Hotel zum Bahnhof dauert länger als gestern, weil der Bahnhof für die CRH, China Railway High-speed, ausserhalb der Stadt liegt. Das Gebäude beeindruckt. Nach den üblichen Kontrollen (smile) setze ich mich hin und warte; es dauert noch eine gute Stunde bis mein Zug Nr. 2515 nach Xi An Bei einfährt und ich mich in der 2. Klasse hinsetzen kann. Unsere maximale Geschwindigkeit beträgt knapp 250 km/h.

Xi’An Zurück in die Gegenwart in nur 3 ½ Stunden! Ich kann's kaum fassen, in so kurzer Zeit und Distanz reise ich aus dem 18. Jahrhundert ins 21. Jahrhundert. Schon der grosse und moderne Bahnhof lässt mich erahnen, dass ich ein eine grosse Stadt, rund 7 Mio. Einwohner, komme. Auf der Fahrt zum Hotel, mit meiner Fahrerin Ms Jing, staune ich über die veränderte Welt. Kulturschock? Irgendwie schon. Kurz vor Mitternacht checke ich im Hotel ein.

Am nächsten Morgen treffe ich in der Lobby wieder Ms Jing, sowie meine Guide für diesen Tag, Winnie. Wir fahren rund eine Stunde aus der Stadt heraus, zu einem weiteren Höhepunkt meiner Reise. Zuhause steht seit Jahren in der Wohnung stumm ein Terrakotta Krieger; es ist an der Zeit, nun seine echten Kollegen zu sehen. Bevor wir in die grosse Halle hineingehen, erfreue ich mich an den Kirschblüten. Übrigens seien solche Kirschbäume vor rund 1300 Jahren von hier nach Japan exportiert worden.

Kaiser Qin gab im Jahr 246 BC den Auftrag, mit dem Bau dieses Monuments, für ihn, zu beginnen. Was ich gleich sehen werde, lässt mein Herz stärker schlagen.

Einer der drei Bauern, die 1974 beim Graben für einen neuen Brunnen auf diese Funde gestossen sind, ist heute anwesend! Er sitzt da und zeichnet, schreibt, malt, chinesische Schriftzeichen. Fotos dürfen keine gemacht werden, aber ich nicke ihm freundlich zu und bekomme ein Lächeln zurück.

Nachdem realisiert werden musste, dass die Farben, die Jahrtausende in der Erde überstanden haben, diese an der Luft innert Kürze für immer verschwinden, wurden weitere Ausgabungen eingestellt. Wenn irgendeinmal entsprechende Techniken bekannt sind, wird die Menschheit erfahren, was hier noch verborgen ist.

Doppelsensation! Links einer von sieben hochrangigen Generälen, die nicht beschädigt gefunden wurden, und rechts, ein erst in diesen Tagen aufgetauchter General mit westlichen Gesichtszügen.

Es gibt noch eine weitere Ausgrabungsstätte in der Nähe, das 200 Jahre jüngere Hanyanling Mausoleum. In einer neuen Art Museum, die Ausgrabungen befinden sich in Luftdichten, verglasten Räumen, über die man gehen kann. Die Grabbeigaben sind viel kleiner, aber in gutem Zustand. Da die Arme aus Holz waren, fehlen diese, wie auch die Kleider.

Wir fahren in die Stadt zurück und besichtigen zum Schluss die gut erhaltene Stadtmauer.

 

Vom 27. März 2015 bis 2. April 2015 bin ich in Südkorea, danach geht's wieder weiter in China.

 

68. bis 70. Tag; 4. April 2015, Nanjing, Hauptstadt Provinz Jiangsu, China

Die Einreiseprozedur am Flughafen ist nichts im Vergleich zu meinem ersten Eintritt, in das sogenannte Autonome Gebiet Xinjiang, ganz im Westen von China. Die Passkontrolle dauert hier nur ein paar Minuten und beim Zoll reicht es, das Gepäck durch den Scanner laufen zu lassen; nichts wird abgeschnitten und schon bin ich in China. Mit einem Taxi fahre ich zum Hotel. Der Fahrer lässt mich vor einem falschen Hotel aussteigen, aber meines ist nur eine Strasse dahinter. Sich an Annehmlichkeiten, an Luxus, zu gewöhnen, ist einfach und dauert nicht lange. Umgekehrt ist es eher eine Herausforderung. Noch mit den Gedanken beim Dusch-WC mit beheizter Klobrille in den Hotels in Südkorea, werde ich hier abrupt in eine andere Welt zurückgeholt. Ich höre die Umgebung, drinnen wie draussen, und es riecht, oder treffender ausgedrückt, es stinkt im Zimmer und im Bad.

Nach einem kurzen Immigrationsschlaf, und bevor ich in Selbstmitleid verfalle, gehe ich nach draussen und stelle erfreut fest, dass mein Hotel am Rand einer sehr attraktiven Fussgängerzone liegt. China pur! Auf den zweiten Blick ein bisschen kitschig, aber schön anzusehen auf jeden Fall.

Osterquiz: Gefallen mir diese Tierstatuen oder finde ich sie kitschig? Bei diesem Wettbewerb wird Korrespondenz mit den eingereichten Lösungen geführt.

Ich habe Freude an meiner Sony RX10, ein Geschenk meiner Frau Silvia, es macht Spass sie zu benutzen. Sie kann sehr vieles sehr gut. Aber es gibt Momente, wo meine Kamera auch an ihre Grenzen stösst. Wenn es darum geht, einen Augenblick festzuhalten, der nur mit fünf Sinnen zusammen zum absoluten Erlebnis wird. Leider können solche gefühlte Erlebnisse auch in der Erinnerung nicht lange in der ursprünglichen Wirkung behalten werden.

 

Es läutet am Morgen an meiner Zimmertür. Jimmy, mein Guide vor Ort, stellt sich vor und erklärt mir das geänderte Programm, wegen den für morgen Samstag zu erwartenden many, many chinesischen Touristen. Ich bin damit einverstanden. Wir treffen uns um zehn vor neun in der Lobby. Mit einem Audi fahren wir zum ersten Besichtigungspunkt, dem Mausoleum von Dr. Sun Yat-san. Ich gebe es zu, Dr. Fu Man Chu ist mir ein Begriff, habe in meiner Jugendzeit, manchmal auch mit meinem „Müeti“, seine Filme angeschaut, aber Dr. Sun Yat-san sagte mir nichts. Dabei ist er der "Vater der Republik China", nachdem er die letzte Dynastie, die der Qing, entmachtet hat. An seiner Seite ist Chiang Kaishek, zuerst militärisch, dann auch politisch, aufgestiegen, bis es zum Konflikt mit Mao Tse-Tung kam und er nach Taiwan flüchtete. Jimmy führt mich im Schnellzugstempo durch die chinesische Geschichte, mit Jahrhundertsprüngen von einer Dynastie in die nächste, und durch die radikalen Veränderungen zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts. Ich muss mich sehr konzentrieren, vieles geht in einem Ohr rein und im anderen gleich wieder raus. Dabei gilt es auch noch, die 299 Stufen hinauf zum Mausoleum, zu überwinden.

Dann besichtigen wir das Grab von Zhu Yuauzhang, 1328-1398, Gründer der Ming Dynastie. Das heisst, das Grab ist nicht zu besichtigen, weil irgendwo unter einem Hügel im Wald versteckt, aber das ganze drum herum, inklusive stummen Zeitzeugen.

Bei einem Fast Food Stand versuche ich eine Portion von der Durian Frucht. Schade, durch das Frittieren ist von dem berühmt-berüchtigten Geschmack nicht viel zu spüren; einzig der Preis (20 Yuan) schmeckt bitter.

In einem Restaurant essen wir eine Nudelsuppe (18 Yuan), bevor wir zum Presidential Palace fahren, wo es Bilder, Büros, auch dasjenige von Chiang Kaishek, und Sitzungsräume aus dem Anfang der Republik zu sehen gibt. Nanjing war die Hauptstadt Chinas, bevor Mao sie nach Peking verlegte.

Nach der geführten Tour und einer kurzen Pause, gehe ich auf Entdeckungstour und sehe dies und das. Überall sind farbenfrohe Boten des Frühlings zu sehen.

Trotz unzähligen Restaurants und Verkaufslokalen heben sich einige ab. Das Anstehen lohnt sich offenbar.

Während diese Geräuschkulissen mühsam sind, Guide mit Mikrofon und tragbarem Lautsprecher, sowie Verkaufsstand mit Megafon und Endlos-Text ...

... erholt sich die Seele bei diesem Anblick.

Auch hier wird einem, in der modernen Art von Tempeln, das Geldausgeben leicht gemacht. Ich bin froh, ein Mann zu sein und keinen Platz im Gepäck zu haben.

 

Heute holen mich Jimmy und der Fahrer ein bisschen früher ab, da wir um neun Uhr, wenn die Erinnerungsstätte öffnet, dort sein wollen. Wir besichtigen das Massacre Memorial. Als Erinnerung, und dass nicht vergessen geht, an den Einmarsch der Japaner 1937 und der Tötung von 300'000 Menschen innerhalb von 3 Wochen.

Frigidity and horror have frozen this crying baby
Poor thing
Not knowing mum has been killed
Blood, milk and tears
Have frozen, never melting

Die Gedenkstätte ist sehr eindrücklich gemacht, mit vielen Fotos, die Stimmung macht nachdenklich. Ich weiss nicht, ob dieses Ereignis in den Vorkriegsjahren des Zweiten Weltkrieges in der Schweiz, in Europa, realisiert worden ist.

Nach einem, von mir gewünschten kurzen, Besuch durchs Nanjing Museum, führt mich Jimmy durch die wieder aufgebaute, renovierte Altstadt.

Samstagabend in Nanjing; nicht nur ich bummle durch die beiden Altstadtquartiere. Um einen Blick von der Stadtmauer herab zu erhaschen, bezahle ich Eintritt.

 

71. Tag; 5. April 2015, Zhangjiajie, Provinz Hunan, China

Ostersonntag. Ein Tag zum Abschminken; mag nicht darüber schreiben. Immerhin: Ich fliege von Nanjing nach Zhangjiajie Punkt

 

72. bis 73. Tag; 7. April 2015, Zhangjiajie, China

Nach all den Besuchen in den vergangenen Dynastien und anderen Vergangenheiten, bin ich bereit für die Natur; diese lässt mich aber im Regen stehen. Schon die ganze Nacht hindurch hets grad abe gschiffet. Was soll‘s, ich bin nun mal hier und habe ja auch Regenbekleidung dabei, die es zu testen gilt. Ich laufe vom Hotel zum nahegelegenen Eingang vom Zhangjiajie National Forest Park und kaufe mir für 248 Yuan, das entspricht rund 12 Nudelsuppen, eine Eintrittskarte, die für drei Tage gültig ist. Danach erfrage ich mir den Bus zum Golden Whip Stream, wo ich aussteige und eine kleine Wanderung in einem schönen Tal beginne.

Immer wieder lassen mich die bizarren Formen der Berge anhalten.

Heute ist ein Feiertag, Tomb Sweeping Day, deshalb begegne ich immer wieder chinesischen Touristen, aber auch anderen wilden Lebewesen.

Nach rund 1 ½ Stunden komme ich an und entscheide mich, optimistisch, hoffnungsvoll, träumend, mit der Gondelbahn zum Yellow Stone Village zu fahren. Doch wie höher ich fahre, wie weniger sehe ich.

"Yellow Stone Village is the biggest summit platform, you can see half of Zhangjiajie mountain peaks from there", so die Empfehlung, leider nicht heute. Ich kann mir vorstellen, auch Touristen in der Schweiz sehen ab und zu ein ähnliches Panorama wie ich:

Ich verzichte auf die 90 Minütige Wanderung und fahre wieder runter. Wohl als Entschädigung, habe ich diesmal eine Kabine mit Glasboden.

Nach dem vielen Wasser, muss auch ich Wasser lassen.

… zudem ist er kleiner als du denkst.

 

Mein kleines Hotel liegt in einer hinteren Strasse. Die zwei Betten sind praktisch, in einem schlafe ich, das andere benutze ich für meine Auslegeordnung. Das Hotel bietet das Frühstück nicht selber an, ich esse auswärts und erhalte dafür einen Voucher. Es war gestern nicht ganz einfach, das Frühstückslokal zu finden. Die chinesischen Handzeichen sind von der Richtung her nicht so eindeutig.

Heute besuche ich den Tianmen Mountain National Forest Park in Zhangjiajie City. Mein Hotel liegt im Wulingyuarf District; ich nehme den öffentlichen Bus ab der nahen Busstation und bezahle für die rund einstündige Fahrt 13 Yuan (der erste Taxifahrer am Flughafen wollte 500 Yuan, ich fand dann einen, der mich für 200 Yuan zum Hotel fuhr). Der Bus hält vor der Talstation der Kabinenbahn.
Die Gondelbahn, eine CWA aus der Schweiz, ist 7455 Meter lang. Zuerst geht’s über die Stadt und den Bahnhof, bevor sie langsam zu steigen beginn. Mit mir sind zwei Chinesinnen, die bei jedem Masten stöhnen und schreien, ob der Vibration und den Geräuschen. Irgendeinmal sind die Farben weg und eintöniges grau beherrscht die Szene.

Oben angekommen, suche ich mir den Weg zum Glass Plank Road, welcher aber wegen Rutschgefahr vorübergehend geschlossen ist. Weiter geht’s über einen Weg, der zeitweise wie an die Felswände geklebt scheint. Das heisst, sehen kann ich nicht viel, aber die Tiefe lässt sich erahnen. Wohl mancher Fussgänger würde nicht mehr cool schwatzend den Weg gehen, wenn er sähe, wo er lang geht. Ich selber würde mir wohl noch mehr Gedanken machen, wie so etwas gebaut werden kann. Da meine Bilder halt nicht die gleiche Wirkung haben wie bei schönem Wetter, besorge ich mir ein Foto aus dem Internet, um zu sehen, was ich verpasse.

Beim Runterfahren steige ich in der Mittelstation aus und in einen Bus ein, der, mancher Schweizer Postautofahrer käme ins Staunen und wohl auch Schwitzen, in zügigem Tempo die Haarnadelkurven nach oben nimmt.

Irgendeinmal sind wir so hoch, dass uns der Nebel wieder einhüllt. Bei der Endstation steige ich aus und schaue mich um. Ich sehe nichts, was sich gelohnt hätte, hier herauf zu kommen. Da erst realisiere ich, dass es eine Treppe hat. Tianmen, zum Himmelstor.

Jetzt weiss ich, wieso Stairway to Heaven über 8 Minuten dauert. Led Zeppelin haben sich sicherlich von dieser Treppe für den Song inspirieren lassen. Ich beginne mit dem Aufstieg. Die Treppe hat jeweils einen normalen Teil und danach folgt ein sehr steiler Teil, der einem die Sicht auf die Fortsetzung nimmt; und dies in unendlichen Wiederholungen. Stufe um Stufe gehe ich nach oben und werde dabei gefordert; junge Leute aber auch, den ich überhole einige. Nach jedem steilen Teil mache ich eine kleine Pause und schaue nach oben und frage mich, wie lange das noch dauert und was mich da oben erwartet. Das Nirwana? Endlich komme ich an. Es sind, wie ich mich später informieren lasse, 999 Stufen! Und was sehe ich, ausser fotografierenden Leuten? Nicht viel, vor allem Nebel, das grosse Loch im Felsen lässt sich nur erahnen und ja, ein Plakat von unserem Hochseilartist Nock, der auch hier sein Können auf einem Seil zeigte. Durch das Fels Loch sind auch schon Flugzeuge geflogen. Auch hier soll ein Foto aus dem Internet zeigen, wie es sein könnte.

Gerne bezahle ich 32 Yuan um mit insgesamt 5 Rolltreppen in Felsenstollen nach unten zu gelangen. In grosser Anzahl warten die Busse. Sobald einer voll ist, fährt er zur Mittelstation und dort fahre ich mit der Kabinenbahn zurück in die Stadt. Dann gehe ich zur grossen Busstation und frage mich zum richtigen Bus durch. Nach der Fahrt bin ich hungrig. In einem Restaurant deute ich auf eine Pfanne auf einem Rechaud auf einem Tisch. Wie ich verstehe, ist das eine Hühnersuppe, die ich, mit separatem Gemüse, für mich bestelle. Als sie köchelnd vor mir steht und ich mit schöpfen beginne, realisiere ich, dass alle Teile des Federvieches darin sind. An einem Hühnerfuss knabbere ich herum, den Kopf lege ich auf die Seite. Die Suppe schmeckt aber ausgezeichnet und es muss ja nicht alles gegessen werden.

Ob es für meine Kawa auch einen passenden Schirm gibt?

 

74 bis 76. Tag; 10. April 2015, Anshun, China

Zhangjiajie Heute steht mein dritter und letzter Besuchstag an. Wie schon am ersten Tag, besuche ich den Zhangjiajie National Forest Park, habe ich doch die 3-Tages-Eintrittskarte erst einmal benutzt. Wiederum wundere ich mich, dass beim Drehkreuz nicht nur das Ticket in einen Schlick gesteckt werden muss, sondern auch der rechte Zeigefinger in eine Öffnung, um einen Fingerabdruck zu nehmen. Wird da geprüft, ob die Eintrittskarte nicht übertragen worden ist? Heute will ich zu den Bergen, die im Film "Avatar", fantasievoll verändert, zu sehen sind. Die Gondelbahn in diesen Teil der Parks ist wegen Renovationsarbeiten geschlossen, es verbleibt aber der mir empfohlene Aufstieg, über Treppen, auf den Tanzi Mountain. Zuerst fahre ich mit dem Bus bis zum Beginn des Ten-Mile Natural Gallery. Da ich nicht genau weiss, was mich bei diesem Steps Walk erwartet, nehme ich durch das Tal das Elektrobähnchen und sage zu meinen Knien, wenn sie mich hoch und runter bringen, wir bei der Rückfahrt wieder den Zug nehmen. Ich steige aus und schon nach den ersten Stufen bieten mir Männer ihre Dienste an, wohl auch wegen meinen weissen Haaren, und weisen mehrmals auf Orientierungstafeln hin, welche 480 Höhenmeter schmackhaft machen. Alle Achtung vor der Leistung dieser Männer, aber in diese Sänften möchte ich bei dieser Steigung nicht sitzen.

Es geht aufwärts. Rasch spüre ich die 999 Stufen von gestern. Ich bin bei weitem nicht alleine. Jung und Alte, Familien, Pärchen, laute Gruppen, in Outdoor-Bekleidung und eher Ausgangsmässig angezogen, alles ist zu sehen und kaum jemand ohne einem Mobiltelefon in der Hand. Ab und zu gibt es Aussichtsplattformen. Und es geht aufwärts, Stufe um Stufe. Ab und zu gibt es Verpflegungshütten und Fotografen. Dann geht es abwärts, ui ui ui, das muss ja dann wieder kompensiert werden; so ist es auch, es geht wieder aufwärts. Ab und zu treffe ich Arbeitende, die die Stufen wischen und die Abfallkörbe leeren. Das Gefühl, mitten in diesen speziellen Felsformationen zu sein, beflügelt.

Nun ja, beflügelt ist ein bisschen übertrieben, aber es entschädigt und motiviert für den langen Aufstieg über die Stufen. Bei jeder Orientierungstafel ist ersichtlich, wo man steht. Irgendeinmal komme ich zu einer Aussichtsplattform wo die letzten 189 Stufen angezeigt werden.
Wie hättet ihr es gerne, im Original, auf Schönwetter oder à la Avatar-Film?

Das Runtersteigen dauert bei mir beinahe gleichlang wie das hochsteigen, sind doch die Stufen nicht so breit, so dass ich langsam gehe und dabei immer auf die Stufen blicke; zudem halte ich öfters an um zu Fotografieren. Unten angekommen merke ich, dass ich meinen Knien zuliebe noch ein bisschen geradeaus weiterlaufen muss, sonst, so befürchte ich, blockieren sie, weshalb ich doch nicht das Bähnchen nehme.

Da ich noch Zeit habe, nehme ich den Bus zum Ballong Lift und fahre mit diesem am Felsen entlang hoch. Oben sehe ich die lila Parkbusse, doch leider fahren diese nicht zu meinem Eingang zurück, sondern in einen ganz anderen Teil des grossen Parks. Mir bleibt nichts anderes übrig, als nochmals ein Liftticket zu kaufen und dann anzustehen.

Bei der Rückfahrt zum Parkeingang stelle ich mir vor wie es wäre, in ein ***** Hotel zurückzukehren, eine Dusche zu nehmen, danach eine Massage zu geniessen und den Tag mit einem feinen Essen ausklingen zu lassen. Das mit „zurück ins Hotel“ stimmt. Dort packe ich in der Rezeption meine Sachen ein und das Gepäck um, laufe nicht geduscht, verschwitzt und mit schweren Beinen zur Busstation, frage nach einem Bus, der, kaum sitze ich drin, schon abfährt. Kurz vor dem Ziel fährt der Bus zu einer Tankstelle. Nun ja, auch ein ÖV-Bus braucht Treibstoff, habe das nur noch nie erlebt. Nach gut einer Stunde komme ich an, esse mangels Alternative bei McDonald’s etwas Scharfes, und laufe zum nahegelegenen Bahnhof. Die Billet- und Passkontrolle, durch das Gepäck- und Körper-Scannen (smile), und warte auf meinen Zug Nr. K2285, um 19.11 Uhr von Zhangjiajie nach Anshun.
Diesmal habe ich einen Hardsleeper, offene 6er-Abteile. Da ich aus der Nummerierung nicht schlau werde, „frage“ ich eine Frau im Abteil, welches die Nummer 5 sei. Sie weist auf das Bett unten links. Ich richte mich ein, mache das Bett, lege mich hin und schlafe bald ein. Aber nicht lange, denn es ist hell und laut. Aber immerhin, ausgestreckt dazuliegen tut schon mal gut. Plötzlich schüttelt mich jemand an den Schultern. Ich erschrecke, suche meine Brille und schaue eine Frau an, die mir zu verstehen gibt, dass dies ihr Platz sei. Müde wie ich bin, winke ich ab und erkläre, es sei mein Bett. Die Frau im mittleren Bett rechts, die zwischenzeitlich tief schläft, hat es mir ja gesagt. Es geht nicht lange, und die Frau steht mit dem Schaffner da. Chinesisch hin und Schwiizerdütsch her, Englisch versteht sowieso niemand, bis mir klar wird, dass das oberste die Nummer 5 ist. Ich schlucke dreimal, entschuldige mich, denke an Wolfi, der in der Transsib immer hochsteigen musste, packe meine Sachen, tausche die Bettwäsche um und steige die Leiter hoch in den hellen, von zwei Lampen voll beleuchteten Bereich. Es hat nicht viel Platz. Ich drehe mich, und wieder, kann aber nicht mehr einschlafen. Erst als das Licht gelöscht wird und tatsächlich Ruhe einkehrt, kann ich wieder einschlafen. So um fünf Uhr haben die ersten Passagiere, vor allem die, die bald aussteigen, bereits wieder ein Kommunikationsbedürfnis. Da die Gespräche anscheinend lustig sind, wird auch gelacht. Von Schlafen kann keine Rede mehr sein; ich gebe es auf und stehe auf.

 

Anshun Pünktlich fährt mein Zug in Anshun ein, wo mich Mr Li, mein Fahrer für die nächsten sieben Tage, er spricht nur Chinesisch, erwartet. Wir fahren kurz zum Hotel, aber mein Zimmer ist noch nicht bereit, so löse ich bereits um acht Uhr beim ersten Besichtigungsort dem Huangguoshu Wasserfall, ein Ticket. Das heisst, so schnell geht das nicht. Li spricht mit der Kassierin und die frägt etwas. Es geht hin und her. Da greift Li zum Telefon und ruft Lulu, sie hat die Reise vor Ort organisiert, an und spricht mit ihr. Danach übergibt Li das Telefon mir und Lulu fragt mich auf Englisch, ob ich schon 60 sei. Ich sage, ja, 62, und übergebe das Telefon wieder an Li, der nun in Chinesisch mein Alter vernimmt und es an die Kassierin weitergibt. Diese sagt wieder etwas, Li zückt seine ID, ich verstehe und zeige meinen Pass, und bekomme mein erstes ermässigtes Rentnerticket. So cool!

Der Weg zum Wasserfall führt durch einen Park mit natürlichen Felsskulpturen und vielen, vielen Bonsai in unterschiedlicher Art und Grösse. Mich erfreut dieser Anblick.

Danach geht’s durch einen Dschungelartigen Wald, der fein riecht und Vogelgezwitscher die Stimmung noch verbessert.

Bei der zweiten Besichtigung, der Tianxingqiao Scenic Area, kommt Li mit. Es sind schöne, natürliche Fels- und Wasserformationen.

Kinder von Frauen, die irgendwelche Sachen verkaufen.

Bei der Besichtigung, der Longgong Area, bitte ich Li, via Telefon über Lulu, beim nächsten Parkplatz auf mich zu warten, derweil ich im Park zu diesem Ausgang zu laufen gedenke. Aber oh weh, es wird so viel gebaut in diesem Park, Wege sind geschlossen, zwar mit Erklärungen versehen, in Chinesisch, dass ich nicht mehr weiss, wo mein Weg ist und ihn nicht finde.

Erstaunlicherweise haben die Mitarbeitenden im Park keine Ahnung von Kartenlesen, weil niemand mir zeigen kann, wo ich bin und wo es langgeht. Ich entschliesse mich deshalb, an den Ausgangspunkt zurückzukehren. Ich schreibe „meinem Chinesen“ (@ Christoph Müller: das ist nicht abschätzend gemeint, im Gegenteil, habe bei den Reisevorbereitungen immer so von Ihnen gesprochen), damit meine ich den Schweizer, der in China lebt und meine spezielle China-Reise, mit meinen Inputs und meiner Budgetvorgabe, zusammengestellt und organisiert hat, eine SMS, dass er Lulu anrufen soll, dass sie Li an den ursprünglichen Ort zurück schicken soll. Das ganze bitte mit Rückbestätigung. Ganz kurz kommt bei mir der Gedanke auf, was ich machen würde, falls mein Handy nicht funktionieren sollte. Das Gepäck mit allen Unterlagen, auch das Kabel zum Aufladen, ist im Auto. Es kommt, wie es kommen muss … gut. Danach fahren wir zurück ins Hotel wo ich, nach ein paar Li-Lulu-Ueli-Lulu-Li-Abklärungsübersetzungstelefonaten, endlich im Zimmer eine Dusche nehmen kann.

Bei einer der vielen Strassenküchen bestelle ich zwei Crevetten-Spiesschen. Wie länger die auf dem Feuer sind, wie weniger denke ich, dass es das ist was ich meine. Meeresviecher mache ich persönlich immer kurz. Als ich sie endlich bekomme und zu essen beginne weiss ich, dass es nicht Crevetten sind, weiss aber nicht, was ich da esse und weiss auch nicht, ob diese Spiesschen der Grund für meine Beschwerden am nächsten Tag sind.

 

Um neun Uhr fahren wir los. Wegen dem Kommunikation Vakuum habe ich keine Ahnung, wie lange die Anfahrt zur Zhi Jin Cave, ein grosses Höhlensystem, dauern wird. Wir benützen Autobahnen, aber die sind irgendeinmal fertig, respektive eben noch nicht, wie die vielen Kranen bei der Brücke verdeutlichen; deshalb geht die Fahrt durch kleine Dörfer mit grossem Verkehr und schlechten Strassen weiter. Übrigens rechts, das ist mein Mister Li.

Bei der dreistündigen Anfahrt frage ich mich, ob sich diese Fahrt lohnt. Kann eine Höhle so interessant sein, um dafür so weit zu fahren? Zu Hause habe ich ja vor der Haustüre die Höllgrotten (mehrmals besucht) und das Höllloch (noch nie besucht). An die Höllgrotten denke ich auch, als ich vor dem Eingang stehe und die ersten Schritte in die Höhle mache.

Später aber sehe ich die Höllgrotten, im Grössenvergleich, wie eine Erbse zu einer Wassermelone. Ich bin beeindruckt von der Grösse; war bisher noch nie in einem solch grossen Höhlensystem.

Frage: Wie heissen die Säulen in Deutsch, wenn sich Stalagmiten und Stalaktiten vereinen (in Englisch stalacota-stalagmite)? - "Mein Chinese" hat sich als erster gemeldet: Stalagnate heisst die Vereinigung.

Mal abgesehen von den Farben, hat es die Natur nicht sehr eindrücklich gemacht?

Nach der Begehung, ich brauche rund eineinhalb Stunden, führen einem Busse am Ausgang der Höhle wieder zum Eingang zurück, wo ich mir noch einmal die Dimension vor Augen führe. Danach treffe ich Li, der derweil einen wohlverdienten Erholungsschlaf gemacht hat.

Die Gegend von Anshun ist mit unzähligen Hügeln versehen.

Auch die Autobahn schlängelt sich zwischen den Hügel durch. Wenn einer im Wege steht wird er, so scheints, aufgeschnitten wie ein Gugelhopf.

Auch das Stadtbild von Anshun ist von den Hügeln mitgeprägt. Manchmal scheint es, als die Hochhäuser die Hügel überragen wollen.

 

77. und 78. Tag; 12. April 2015, Miao Dorf Xijiang, Provinz Guizhou, China

Aufstehen, packen, Frühstück essen, Gepäck im Auto verstauen und um neun Uhr fahren wir in Anshun ab. Ich weiss, dass ich „another long driving day“ vor mir habe, aber wie lange, weiss ich nicht. Wir fahren auf der Autobahn, die aber immer sehr nahe an Orten und Städten vorbeiführt. Ich habe den Eindruck, halb China wird umgebaut, überall Baustellen. Strassen werden neu gebaut oder neuer Asphalt aufgetragen. Ganze Quartiere in Schutt und, nein nicht in Asche, aber dem Erdboden gleichgemacht, um Hochhäuser Platz zu machen. Gruppenweise stossen die Hochhäuser dem Himmel entgegen. Der Rohstoffbedarf, der Maschinenpark und die Manpower, im Strassenbau sehe ich auch Frauen an der gleichen Arbeit, ist immens. Auf den Strassen fahren grosse Lastwagen mit grosser Ladung. Leider schaffte ich es nicht, einen Lastenzug mit Personenautos zu fotografieren: auf dem oberen Deck stehen zwei Autos nebeneinander, acht hintereinander, dazu acht im unteren Deck, total 24 Autos. So lohnt sich eine Fahrt. Nach 3 ½ Stunden machen wir einen Picknick Halt bei einer Autobahnraststätte.

Bei Kaili verlassen wir die Autobahn und fahren auf einer Nebenstrasse weiter. Da sehe ich das erste Miao Dorf.

Nach 5 ½ Stunden kommen wir im Xijiang Miao Village an. Beim Eingangstor müssen wir unser Auto zurücklassen und ich ein Eintrittsticket lösen (!). Es fahren Busse ins Dorf; wir werden mit einem Auto vom Hotel abgeholt. Hier geht’s zu meinem Hotel (rechtes Bild, in der Mitte).

Das Dorf sieht identisch aus, halt auch sehr touristisch. Im Dorf hat es rund 1300 Haushalte mit rund 6000 Einwohner, davon sind 99,5 % Miao, eine Volksgruppe, die in China zu einer Minderheit gehört.

Zur Tracht der Frauen gehört ein Kopfschmuck, der bis 7 Kg, und die ganze Tracht bis zu 20 Kg, schwer sein kann.

Am Abend bestelle ich mir ein einem Restaurant eine Suppe mit Fisch, auf dem Foto unten links, in der oberen Ecke rechts. Ich bekomme die Suppe mit einem Riesenviech drin serviert, Salat mit Tofu, von dem ich auch in die Suppe lege, sowie eine Schüssel Reis. „Fisch, verzeih mir, dass du dein Leben für mich lassen musstest und ich dich nicht standesgemäss zu essen verstehe. Mit nur einem Suppenlöffel und zwei Stäbchen bin ich schlichtweg überfordert. Erst als ich einen kleinen Teller und einen Löffel bekomme, schaffe ich es, dich zu filetieren. Du schmeckst vorzüglich, hab Dank dafür. Wie du wohl merkst, lasse ich deinen Kopf und deine Schwanzflosse unberührt in der Suppe zurück.“

Draussen auf der Terrasse hat es Langtische für Touristengruppen. Diese erhalten eine Musikshow geboten und, dem Gelächter zu entnehmen, auch ein alkoholisches Getränk. Nach meinem Essen kommen die Musikanten und die Sängerinnen auch an meinen Tisch und halten mir eine Schale Flüssiges vors Gesicht. Ich will diese schon nehmen, als mir klargemacht wird, dass es anders geht. Eine Frau führt mir die Schale zum Mund und ich beginne zu trinken, während ein Mann aus einem Krug dauernd nachgiesst. Der Schnaps (?) schmeckt süss (Pflaumenartig?) und ist sehr süffig. Trotzdem gebe ich irgendeinmal ein Zeichen, dass es genug sei. Das Essen hat übrigens nicht 79, wie auf der Menükarte geschrieben, gekostet, sondern, mit einem Bier, 252, rund 40 Franken. Das war wohl der 100 Grammpreis oder so.

 

Ein Hahn kräht, ich schaue aufs Handy, es ist erst vier Uhr. Warte nur, heute esse ich ein Chicken! Ich schlafe wieder ein um bald wieder wach zu werden. Gleissendes Licht ist im Zimmer. Habe ich nach dem letzten Toilettengang vergessen, das Licht zu löschen? Ich klicke den Schalter, nichts passiert. Ich stehe auf und versuche andere Schalter. Nichts. Da realisiere ich, dass dies die Notbeleuchtung ist, Stromausfall. Zurück im Bett, nehme ich die Decke über mich und versuche so, wieder einzuschlafen. Eigentlich wollte ich den Sonntag gemütlich angehen, da heute ein freier Tag zum Geniessen ist. Viel zu früh stehe ich auf. Das Frühstück gibt’s auf der Terrasse, an einem Langtisch sitzen bereits Hotelgäste. Li, mein Fahrer, ist auch da. Er zeigt mir, wo es Eier hat und den Nudeltopf, der mitten auf dem Tisch steht. Ich bediene mich, nehme noch Gemüse dazu, würze das Ganze mit dem was auf dem Tisch steht, dabei nicht heikel sein, und setze mich auf einen Schemel am langen Tisch.

Um halb neun bin ich schon auf der Strasse. Achtung, Fälschungen! Das sind keine Miao, sondern Touristinnen die Kleider mieten, um darin fotografiert zu werden.

Mich zieht’s zum Dorf hinaus, weg von den Touristenscharen, zwischen den Reisfeldern durch, bis ich realisiere, dass ich auf der falschen Seite vom Bach bin. Mangels Brücke muss ich den "reissenden" Fluss an seiner "schwierigsten" Stelle überqueren; Füsse und Kamera bleiben jedoch trocken.

Dann steige ich die Terrassen hoch, in denen Gemüse und Reis angepflanzt werden, und wandle dabei auch auf schmalen Pfaden. Nach meinem freundlichen Nihao und meiner Frage, darf ich bei den Begegnungen auf den Auslöser drücken.

Ich setzte mich hin und geniesse die Stille und den Ausblick.

So mühelos geht der Kauf eines Paket Reis – wer denkt dabei an die vorgängige, mühsame Arbeit, tatsächlich auch hierbei mit Mobilephone Pausen?

Im Dorf hat es einen grossen, abgeschlossenen Platz mit Tribünen, wo traditionelle Miao Vorführungen gezeigt werden. Als Eintritt gilt, so verstehe ich es, das Eintritts Billet zum Dorf, welches aber in meinem Hotelzimmer zurück blieb. Ich bettle, und als die Show begonnen hat, darf ich rein, auch ohne vorhandenes Ticket.

Das ist eine Miao Frau, nehme ich an, und die Tracht wohl echt.

Danach bummle ich durch die vielen Strassenküchen. Auf Spiesschen habe ich keine Lust, auch wenn sie wirklich frisch zubereitet werden. Ich lasse mir eine Nudelsuppe machen. Der erste Versuch, mich auf diese Mini-Schemel zu setzen, misslingt, ich lande auf der Strasse.

Danach setze ich mich auf eine Bank, die Kamera neben mir, und ich drücke ab und zu auf den Auslöser.

 

79. und 80. Tag; 14. April 2015, Dong Dorf Zhaoxing, China

Viertel vor neun Uhr verlassen wir das schöne Miao Dorf Xijiang. Zuerst fahren wir zurück im Tal, wieder nach Kaili. Erst dort nehmen wir die Richtung zu unserem heutigen Ziel: Zhaoxing, ein Dorf der Dong Minorität. Mehrheitlich fahren wir über Landstrassen, durch kleine Dörfer hindurch, wo Li vergeblich versucht, für mich Büchsen-Kaffee-Drinks zu kaufen, über Hügel, durch Täler. Es ist sehr abwechslungsreich. Irgendeinmal kommen wir auf eine Autobahn, recht neu, aber erstaunlicherweise mit wenig bis keinem Verkehr. Es geht durch Tunnel, über Brücken, durch noch mehr Tunnel, meistens geradeaus. Es ist nicht mehr abwechslungsreich, deshalb fallen meine Augendeckel immer wieder der Erdanziehungskraft zum Opfer, fallen zu, und das, was sich dahinter befindet, lässt sich, sekundenweise, in eine andere Welt gleiten. Anscheinend kennt Mister Li keine solchen Unpässlichkeiten, er fährt und fährt und fährt ...

Nach etwas mehr als fünf Stunden steigen wir aus und lösen für mich ein Ticket, um ins Dorf hinein zu kommen. Ich bin sehr gespannt, was mich hier in Zhaoxing erwartet. Für Ortskundige: Wir sind Richtung Süden gefahren und befinden uns noch rund 250 Km von Guilin entfernt. Auch hier müssen wir unser Auto am Dorfeingang zurücklassen und fahren mit einem Minibus ins Dorf. Wir steigen aus und gehen durch eine Lücke in der Häuserreihe, um ein paar Ecken und wir sind im Yinhe Hotel, einem alten Holzhaus. Mein Zimmer ist im zweiten Stock. Es knarrt und ächzt, wenn ich mich im Zimmer bewege. Den Holzstuhl, auf dem ich sitze, während ich diesen Bericht schreibe, muss ich immer wieder ins Lot richten. Es ist gemütlich. Vor dem Fenster rauscht ein Bach - ob ich das in der Nacht auch noch romantisch finde, wird sich zeigen. Das Volk der Dong ist berühmt für ihre sehr schön dekorierten Wind- und Regenbrücken (???), sowie Glocken- und Trommel-Türme.

Für alle diejenigen unter euch, die noch nie mit Stäbchen gegessen haben, empfehle ich es mit Pommes frites zu versuchen, wie ich heute Abend. Wie das denn? Ich gehe in ein Restaurant, frage ob dies ein Restaurant sei, denn so sicher bin ich mir im ersten Stock dann nicht mehr. Aber ja doch, sie haben sogar eine Menükarte in Englisch und Chinesisch, die ich durchgehe. Ein Chicken fällt mir auf. Ich frage, ob es Reis dazu gäbe, erhalte aber keine verständliche Antwort, logisch, sie haben meine Frage ja auch nicht verstanden. Unter dem Huhn steht French fries, welche ich noch dazu bestelle. Als erstes werden die Pommes frites serviert. Sie sehen knusprig aus. Ich versuche eines mit den Fingern. Lecker. Dann kommt das Chicken. Nicht am Stück, sondern als Geschnetzeltes mit Rüebli und einem harten Grüngemüse. Ich beginne das Huhn und das Gemüse zu essen, natürlich mit den Stäbchen, auch das schmeckt mir, und dazwischen immer wieder ein Pommes, aus praktischen Gründen halt auch mit den Stäbchen. Dann wird mir noch eine Schüssel Reis serviert … Also ihr mutigen Neulinge, versucht es, geht ganz einfach, da viereckig und trocken, hält es sich gut zwischen den Stäbchen. Die Frage stellt sich, wo ihr das probieren könnt. In einem chinesischen Restaurant? Kaum, die haben zwar Stäbchen, aber keine Pommes frites. Im Bären?  Der hat sicherlich Pommes frites im Angebot, aber kaum Stäbchen. Wie wäre es mit einem Trip nach Zhaoxing?

Keine Bilder? Was ist mit Bilder? Für heute sollen mal die Worte genügen, auch um euch neugierig zu machen wo ich bin, denn es gefällt mir hier noch mehr als in Xijiang … okay, okay, hört auf mit dem Gejammer, ich bin ja nicht so, eine Brücke gibts als „Bettmümpfeli“.

 

Dafür gibt’s heute Bilder, bereits am frühen Morgen, von meinem gemütlichen Zimmer, vom Hotel und beim gut gewürzten Frühstück, das Li und ich auswärts einnehmen, da unser Hotel dies nicht anbietet.

Li gibt mir zu verstehen, dass er mich anschliessend mit dem Auto in ein Dorf auf einem Berg hochfahren will. Das passt mir jetzt zeitlich nicht, weshalb ich mit ihm für 10 Uhr abmache. Ich will die Morgensonne am Teich ausnützen, an dem ich gestern Abend war.

Töne erklingen in der frühen Morgenluft. Ich schaue mich um und entdecke eine Frau auf einer kleinen Insel, die auf einem Blasinstrument spielt. Ich gehe am Ufer näher hin, setze mich, lausche der Musik und geniesse diese schöne, ruhige und friedliche Stimmung; es scheint paradiesisch.

Für mich wirkt dieser Auftritt spontan, oder allenfalls als Probe für eine Vorführung. Jedenfalls sind nur eine Handvoll Leute in der Nähe, die es auch still geniessen.

Die Dong sind berühmt für ihre „Wind- und Regenbrücken“, sowie den Türmen. Wie ich auf meine Fragen von "meinem Chinesen" per SMS informiert werde, dienten die Brücken ursprünglich dem reinen Transport von der einen auf die andere Seite. Die Dong haben sich dann die Freude gemacht, diese so kunstvoll wie möglich zu machen, was sich mit der Zeit immer wie mehr entwickelt hat. Auch die Türme dienten ursprünglich nur der Zeitangaben mittels Glocken und Trommeln. Die Dong seien sehr gesellig, weshalb sie jetzt auch für Festivitäten benutzt werden.

Da schlägt wohl jedes Zimmermann Herz schneller, beim Anblick eines solches Holz-Fachwerks.

Bei meinen Begegnungen frage ich immer mit Gesten, bevor ich ein Foto mache; meistens darf ich.

Im Hotel treffe ich Li und wir laufen zum Dorf hinaus, zum Auto. Dort ruft Li Lulu an und sie sagt mir, dass wir nun zum Bergdorf hochfahren. Ich könne nach der Besichtigung zu Fuss zurück zu unserem Dorf laufen, rund zwei Stunden abwärts, oder aber wieder im Auto mit Li zurückfahren. Toll, dass ich diese Info hier bekomme, denn meine Wanderschuhe und Stöcke sind im Hotel. Vorerst sage ich für die Rückfahrt zu. Oben im Dorf angekommen, will der gute Mister Li mir Stellen zum Fotografieren zeigen. Aber wie kann er wissen, was ich fotografieren will, wenn ich es selber noch nicht weiss. Das ist für mich nicht gemütlich, ich will mich durch Momente inspirieren lassen. Ich beschliesse, doch zu Fuss zurück zu kehren. Li geht auf sicher und ruft Lulu an. Nachdem alles geklärt ist, schnappe ich mir zwei Fläschchen (350 ml) Wasser, lasse mir von Li den Einstieg zum Abstieg zeigen und verabschiede mich. Ich bereue meinen Entscheid nicht. Mir gefällts; es ist schön, was ich sehe, rieche, fühle.

In einem Dorf habe ich Mühe, die Fortsetzung des Weges zu finden und frage einen Mann. Dieser zeigt auf einen Wegweiser, einen Meter neben sich, das ist aber auch der einzige, den ich sehe. Halt immer schön der Nase nach, bis diese einen Fehler macht. Eine freundlich lachende Frau zeigt mit der Hand auf eine verpasste Abzweigung. Sie spricht in einer Lautstärke und einem Ton, dass ich meine, ich dürfe auf diesem Weg nicht gehen. So tönt es jedenfalls für meine westlichen Ohren, obschon es nicht so gemeint ist.

Ich bin nicht alleine unterwegs.

Nach gut eineinhalb Stunden bin ich zurück in meinem Dorf. Ich bin froh, gelaufen zu sein, hätte aber lieber meine guten Schuhe und meine Stöcke dabei gehabt.

Sofort Kontrollblick in den Sucher: habe ich sie erwischt? Was ist die Beute?

 

81. und 82. Tag; 16. April 2015, Ping‘an Village, Longji Terraces, Provinz Guangxi, China

Zhaoxing Wie abgemacht, treffen wir uns nach dem gemeinsamen Frühstück wieder bei der Rezeption. Dort greift Li zum Telefon und ruft Lulu an. Sie erklärt mir, dass Li das Auto holen geht und ich deshalb noch im Hotel warten soll. Einen solchen gut gemeinten Service will ich nicht, zudem ist es mir peinlich, mit dem Auto durch das schöne Dorf zu fahren. Ich weiss ja, wo das Auto steht, deshalb sage ich Lulu, dass ich auch mit dem Gepäck zum Auto gehen kann. Sie übersetzt und wir zotteln los. Auf halbem Weg geht Li in eine andere Richtung, als gestern das Auto stand. Bei der Brücke zum Ausgang des Dorfes soll ich mit dem Gepäck warten. Mmmh ... Dabei realisiere ich, dass über Nacht das Wasser beim Teich abgelassen worden ist. Heute wäre nichts mehr gewesen mit spiegelnden Bildern. Li kommt zurück, wir laden das Gepäck ein und fahren ... durchs Dorf, auch ganz in der Nähe vom Hotel vorbei. Mmmh ...

Die Fahrt geht zuerst zum Dorf hoch, wo wir gestern waren, dann weiter, den Berg runter und durch viele Täler. Manchmal fahren wir einem Fluss entlang. Es ist landschaftlich schön. Immer wieder sehen wir Dong Dörfer.

ChengYang Nach rund vier Stunden kommen wir bereits an. Auch hier muss ich ein Ticket lösen. Wir werden von einem Töff-Lotsen erwartet und können bis zum Hotel fahren, welches im Quartier Ma an Village, direkt bei einer Brücke liegt.

Das Zimmer ist noch nicht bereit, weshalb wir etwas essen, das gleiche wie zum Frühstück, eine Nudelsuppe. Danach will Li mich auf einen Hügel führen, wegen der Aussicht aufs Dorf. Ich will ihn fragen, wie lange das dauert, zeige auf die Aussicht, die auf einem Bild an der Wand zu sehen ist, und mache mit dem Zeigefinger beim Handgelenk kreisende Bewegungen. Li versteht, überlegt und zeigt zwei Finger. Aha, zwei Stunden also. Da wiederholt Li das Zwei-Zeichen und deutet auf die Rezeption im unteren Stock hin. Ich schaue auf die Uhr im Restaurant und sehe, dass es halb zwei ist. Aha, um zwei Uhr also. Oder wie oder was? Ich gehe ins Zimmer, ziehe meine Wanderschuhe an und bin um zwei Uhr unten. Zuerst gehen wir zur grossen Brücke beim Dorfeingang, "... the ChengYang bridge which is well-knowed even outside of Asia ...".

Beim Brückenfotografieren packt mich die Herausforderung, Schmetterlinge zu knipsen. Ist gar nicht so einfach, die bewegen sich dauernd. Danach wartet bereits die nächste Herausforderung auf mich.

Zurück im Dorf, bietet mir Li an, einen Rundgang anzuhängen. Da ich gerade nichts anderes vorhabe, stimme ich zu und trotte ihm schön brav hinterher. Das heisst, so brav auch wieder nicht, denn bei seinem schnellen Tempo würde ich nicht viel von der Umgebung mitbekommen, deshalb bleibe ich oft stehen um Momente auf mich wirken zu lassen. Li merkt es dann, bleibt stehen, oder merkt es nicht, und kommt zurück, wenn er mich nicht mehr hinter sich fühlt. Er ist ja kein Guide, dafür ein guter Fahrer, für chinesische Verhältnisse manchal sogar ein zuvorkommender, der beim Manöverieren die gleiche Technik anwendet, wie sie mir als Motorfahrer im Militär beigebracht worden ist.

Es hat insgesamt acht Quartiere, die wir aber nicht alle ablaufen, mit jeweils eigenem Trommel-Turm und insgesamt fünf Wind- und Regenbrücken. Wir besuchen auch eine Folklore Führung. Trotzdem, ich denke, dass in einigen Jahren dieses Dorf von der touristischen Landkarte verschwinden wird. Leider wurden, und werden immer noch, viele Holzhäuser durch Backsteinhäuser ersetzt. Der Charakter und die Stimmung gehen verloren. Übrigens: unsere Tour hat rund zwei Stunden gedauert. Aha, um zwei Uhr für zwei Stunden also.

 

Ich bin wieder vor dem Handy-Wecker wach und geniesse zuerst mal vom Bett aus die Morgenstimmung.

Zum Frühstück gibt’s als Vorspeise warme Süsskartoffel, dann Nudelsuppe. Danach fahren wir los, eine halbe Stunde vor der geplanten Abfahrtszeit. Unterwegs hält Li bei einer 24-Stunden Bank an, wo ich bei einem ATM Geld beziehe. Die Fahrt führt uns durch Täler. Am und im Fluss wird Gestein gefördert, welches direkt vor Ort zu Kies und Sand verarbeitet wird. Merklich steigt die Strasse an und irgendeinmal sehe ich den ersten braunen Wegweiser, der mein nächstes Ziel ankündet, die Terrassen Felder von Longji in Ping’an, in der Nähe von Guilin.

Ping’An Beim Ticket Office löse ich das obligatorische Ticket, das 100 Yuan kostet. Danach fahren wir weiter den Berg hinauf, bis zu einem grossen Parkplatz. Von hier aus geht’s mit dem Auto nicht mehr weiter. Li ruft Lulu an und sie erklärt mir, dass wir nun zu Fuss ins Dorf gehen müssen. Zwei Frauen würden mein Gepäck tragen, was je 40 Yuan kosten würde. Okay? Für mich ist das gar nicht okay, nicht wegen dem Geld, aber mein schweres Gepäck von Frauen tragen lassen? Ich sage dies Lulu, worauf sie darauf hinweist, dass wir rund eine halbe Stunde zu laufen haben. Ich schlucke leer und sage mir, dass es ja deren Job ist und sage zu, und beinahe wieder ab, als ich die eine Frau sehe, die sich daran macht, meine über 20 Kilo schwere Tasche über den Korb zu legen. Ich helfe ihr dabei und bekomme ein schlechtes Gewissen. Chapeau alte Frau!

Sie legt auch gleich ein Tempo vor, so dass die jüngere, die nur meinen Rucksack zu tragen hat, dafür mehr Eigengewicht und Sonnschirm, Mühe hat, mitzuhalten.

Bei meinem Hotel angekommen, tragen die beiden Frauen das Gepäck gleich noch in mein Zimmer, welches im 4. Stock (abzüglich Parterre = 3. Stock für uns Westler) liegt. Aus Achtung vor deren Leistung gebe ich den beiden Frauen zusätzlich ein Trinkgeld. Und dann verabschiede ich mich von Li, meinem Fahrer der letzten Tage. Er fährt, wie ich verstanden habe, nach Guilin wo er wohnt. Bye, bye Mister Li.

Von Jimmy, dem jungen Hotelier, lasse ich mir den Rundweg zu „Nine Dragons and Five Tigers“ sowie „Seven Stars with Moon“ zeigen, den beiden Aussichtspunkten. Von dem, in den klingenden Namen, Erwähntem sehe ich nichts. Ich geniesse die kleine Wanderung, erstmals mit meinen Wanderstöcken, die ich, Fernsupport von Dani sei Dank, nun richtig zusammen setzen kann, mit der nicht alltäglichen Aussicht. Die Terrassen wurden schon während der Yuan Dynastie von den Zuhang und Yao, zwei weiteren Minoritäten in China, kultiviert.

 

Persönliches Auf meiner Reise nehme ich viele Strapazen auf mich und akzeptiere Unbequemes. Aber oft sind es alltägliche Kleinigkeiten, die mir zu schaffen machen. Beispiel Papiertaschentücher: Die sind oft so dünn, dass ich nach starkem Schnäuzen durch das Loch auf meine „verschnuderte“ Handfläche blicke. „For soft and comfortable life you can really feel good“, steht auf dem Päckchen … Beispiel Toilettenpapier: Längst habe ich die stabilen, weichen x-fach Lagen mit Performation hinter mir gelassen. Beim Proportionieren reisst dann das Papier der Länge nach, statt quer. Es heisst aufpassen, den bei den kleinen Rollen ist das Ende schnell erreicht. In einer unbequemen Position wäre es hilfreich, eine dritte Hand für das Abtrennen zu haben, eine Hand ist ja bereits für das Beiseite Halten der Hose reserviert … Beispiel Verpackungen: Vergeblich suche ich an den Ecken oder am Rand nach einer Lasche, damit ich das Ding aufbekomme. Schlussendlich hilft mir mein Sackmesser aus dem Dilemma  … Beispiel Duschmittel: Ich stehe unter der Dusche und will mit meinen nassen Händen das Shampoo Beutelchen öffnen. Mein Messer habe ich nicht dabei, trotz Sack. Mit den Zähnen geht’s dann …

 

83. und 84. Tag; 18. April 2015, Guilin

Ping’An Heute leiste ich mir einen Begleitservice, nicht von Escort und nicht für den Abend, dafür für den ganzen Tag. Nach dem westlich angehauchten Frühstück, Spiegelei, zwei Scheiben Toast, einer Portion neuseeländische Butter, einem Orangenjus (Kaffee, Grün Tee oder Orangensaft standen zur Auswahl), mit Messer und Gabel, treffe ich die Frau. Sie spricht nur chinesisch, aber das sollte reichen, für das was wir zwei vorhaben. Im Morgenlicht steigen wir langsam den Weg durch die Terrassen hoch und geniessen oben den Ausblick.

Dann ist die Szenerie nicht mehr so spektakulär, aber friedlich, still und schön. Zeit um euch meine Begleiterin vorzustellen.

Meine siebzigjährige Führerin soll mich ins Dorf Tiantou führen, von wo wir beide den Bus zurücknehmen wollen. Wir kommen an Gräber vorbei. Es ist mir schon früher aufgefallen, dass es jeweils „unordentlich“ aussieht. Ich kann mir nur vorstellen, dass die für mich unbekannte Religion gewisse Rituale mit Beigaben vorsieht, die halt dann vom Wind verweht werden. Meine Begleiterin weist mich auf das Grab einer Hundertjährigen hin; sie stellt auch fest, wenn es ein neues Grab gegeben hat.

Wir beide, die 70jährige Führerin und der 62jährige Kunde, haben es nicht eilig, deshalb setzen wir uns auch mal hin oder machen in einem kleinen Dorf einen Kaffeehalt. Sie entpuppt sich übrigens als „Schnurewibli“, schwatzt sie doch bei allen Begegnungen bis lange danach, so dass ich mich frage, ob die anderen noch etwas verstehen. Als wir zu einer Führerin mit zwei älteren West-Touristen aufschliessen, bleibt sie dahinter und redet und redet. Das ist mir zu viel, da hätte ich ja gleich mit einer chinesischen Gruppe mitlaufen können. Ich gebe ihr zu verstehen, dass sie die drei überholen soll.

Unser Dorf ist in Sicht, was aber noch nicht das Ziel bedeutet, denn auch dieses Bergdorf ist autofrei und der Parkplatz, Jinkeng, wo auch der Bus losfährt, noch mindestens eine halbe Stunde weiter unten. Sämtliches Baumaterial, alle Esswaren, Getränke, einfach alles, muss auch hier hochgetragen werden. Nach fünf Stunden sind wir bei der Busstation, wo ich für uns beide zwei Teller Reis bestelle.

Der Bus fährt nicht nach Ping’an, deshalb müssen wir nach 12 Km aussteigen und auf einen anderen Bus warten.

Bei unserem Parkplatz angelangt, erwartet uns das Dessert, der Aufstieg ins Dorf.

Im Hotel kaufe ich mir ein Busticket für die morgige Fahrt, um zehn Uhr, nach Guilin und bestelle auch zwei Gepäckträgerinnen.

Am Abend nehme ich, als Beilage zu meinem Fisch mit Tofu, Bambus-Reis. Ich habe heute bei der Wanderung gesehen, wie Männer Bambus speziell zersägt haben. Die beiden Hälften werden mit Reis gefüllt, geschlossen und über dem Feuer gebraten. Beim Servieren werden sie geöffnet und auf den Tisch gestellt. Es ist klebriger Reis mit einem Aroma, das ich nicht sehr liebe, weiss aber nicht, wohin ich diesen Geschmack einordnen soll. Ich esse nur die eine Hälfte. Auch der Tofu bekommt nicht viele Punkte von mir, ist mir zu „schlüderig“. Die beiden Fische, die sich unter dem Tofu versteckt haben, esse ich hingegen, klar, mit Stäbchen. Fazit: Ich habe schon besser, viel besser gegessen in China.

Am Morgen sind die Träger pünktlich. Für den Rucksack wieder die gleiche Frau wie bei der Anreise, für die schwere Tasche diesmal ein Mann, was mein Gewissen erleichtert. Hat sich wohl herumgesprochen, dass da ein Weisser mit dem halben Haushalt auf Reise ist. Da es leicht regnet, wird mein Hab und Gut mit Plastik geschützt.

In meinem Zeitmanagement habe ich genügend Zeit eingerechnet, deshalb bin ich erwartungsgemäss zu früh beim Parkplatz. Zuerst prüfe ich, ob es der richtige Bus ist, gemäss Autonummer ja, deshalb bringe ich schon mal mein Gepäck in den Bus und sichere mir so einen Platz, wo ich auch meine Beine ausstrecken kann.

Es bleibt noch Zeit um mich umzuschauen. Plötzlich stutze ich beim Lesen der Touristen-Regeln, realisiere ich doch, dass ich vorgestern Regel Nr. 6 gebrochen habe, als ich alleine die kleine Wanderung gemacht habe: "VI. The following visitors should go sightseeing under the supervision of a special guardian: Minor under age, Olds above sixty, Disabled, Hypertension, Heart disease." Das ist hart, feststellen zu müssen, dass ich schon zu einer weniger selbständigen Menschengruppe gehöre.

Es sind schon wieder viele, gut ausgerüstete Jäger unterwegs.

Der Bus fährt überpünktlich ab. Irgendeinmal läutet das Telefon und der Fahrer nimmt ab. Er raucht, er „choderet“ lautstark, wie übrigens noch immer viele Chinesen und Chinesinnen auch, und spuckt das Ergebnis zum Fenster raus, wieso sollte er nicht auch Telefonieren? In der Linken das Telefon, mit der Rechten schaltet er, und das Lenkrad? Plötzlich streckt er den Arm nach hinten, ich sitze direkt hinter dem Fahrersitz, und mir das Telefon entgegen. Nanu, soll ich das nach hinten weiterreichen? Ich nehme es und sage ein staunendes "Hallo?" hinein. Es ist Jimmy, vom Hotel. Was, habe ich etwas liegen lassen oder hat er bemerkt, dass ich eine Rolle Toilettenpapier habe mitgehen lassen? Nichts von all dem, Lulu habe angerufen, da das Hotel in Guilin geändert habe. Er werde die Daten auf Chinesisch auf das Telefon des Fahrers senden, von dem ich dann ein Bild machen könne, damit ich eine Chance habe, mit einem Taxi zum Hotel zu gelangen. Ich sage okay, hänge auf, aber nichts ist mehr okay. Meine Ruhe ist dahin, meine Gedanken kreisen. Geht das, ein lesbares Foto von einem so kleinen Display zu machen? Wieso habe ich ihm nicht meine Nummer durchgegeben? Ich schreibe deshalb Lulu eine SMS, dass sie mir die Daten in Chinesisch und in Englisch per SMS zustellen soll. Nach einigen weiteren SMS, ich habe auch noch „meinen Chinesen“ ins Spiel gebracht, habe ich das Gewünschte und kann die Fahrt wieder geniessen.

Guilin Nach drei Stunden kommen wir in Guilin an und der Bus hält irgendwo, nicht wie erwartet bei einer grossen Busstation. Alle Passagiere müssen noch die Tickets abgeben und dann steigen wir aus. Ich schaue mich nach einem Taxi um. Da ich in der Nähe einer grossen Kreuzung bin, habe ich das Gefühl, auf der anderen Seite sehe ich mehr Taxi. Ich überquere die Kreuzung und finde recht schnell ein Taxi. Dieser liest die Adresse ab meinem Handy und weist nach vorne. Ich könne zu Fuss laufen, es sei gleich da vorne. "Da vorne" zeige ich bei einem Tour-Buchungs-Shop wieder mein Handy und diesmal weist der Finger in die Richtung, aus der ich komme. Ein Tuktuk Fahrer spricht mich an, ich zeige ihm die Chinesische Adresse und er sagt okay. Wieviel, will ich wissen. Er zeigt mir eine 10 Yuan-Note. Ich steige ein und er fährt mich über die Kreuzung, über die ich gekommen bin, zweihundert Meter in eine Strasse hinein und hält an. Skeptisch steige ich aus, aber ja, es ist das gesuchte Hotel und das Zimmer ist bereits bezugsbereit.

Danach bummle ich ein bisschen, entdecke einen Markt, der bei mir ein Hungergefühl auslöst.

Gleich um die Ecke, dort wo ich aus dem Bus gestiegen bin, finde ich ein Restaurant mit Bildern, was die Bestellung wesentlich erleichtert.

Ich muss noch mein Gepäck flugtauglich für morgen machen, habe schon Übung damit: In dem ich die Wanderschuhe anziehen werde und die anderen Schuhe im Rucksack verstaue, kann ich die schwere Tasche auf knapp über 22 Kilo reduzieren. Die Toilettenartikel und der grüne Beutel wechseln vom Rucksack in die Tasche, das Sackmesser natürlich auch. Guilin ist übrgens die südlichste Destination meiner China Reise. Guilin selber und die reizvolle hügelige Umgebung des Li Flusses besichtige ich nicht, dies habe ich schon bei meiner ersten China Reise gemacht.

 

85. bis 88. Tag; 22. April 2015, Jiuzhaigou, Provinz Sichuan, China

Guilin Da war ich zwei Tage in einem kleinen Bergdorf und hatte besten Wi-Fi Empfang, sogar mein VPN funktionierte einwandfrei, dann zurück in einer grossen Stadt, und nichts mehr, fertig mit dem modernen Luxus. Wenn ich Glück habe, geht eine WhatsApp Mitteilung raus.
Wie gewöhnlich, plane ich die Anfahrt zum Flughafen grosszügig ein „Lieber zu früh, als knapp zu spät“. Beim Einchecken kein, und beim Security Check nur ein kurzes Anstehen. Beim Gate Nr. 5 setze ich mich hin, packe das Notebook aus, mache ein paar Ergänzungen beim Bericht und sende von hier die Eindrücke der Tage 83 und 84 auf den Server in der Schweiz. Irgendeinmal wird eine Verspätung für meinen Flug angezeigt.
Nach dem rund zweistündigen Flug, werde ich in Chengdu von Hellen, 33 jährig, pardon, sie wird 33 Jahre, wie sie mich korrigiert, verheiratet mit einem amerikanischen Englischlehrer, kinderlos, und Zang, dem VW Passat Fahrer, erwartet. Wir fahren in rund 2 Stunden nach Leshan, wo wir die grösste, 71 Meter hoch, und älteste, Baubeginn im Jahr 713 und 90 Jahre später fertiggestellte, Buddha Statute der Welt besichtigen wollen. Die Statue ist, beim Zusammenfluss von Minjiang und Dadu, in einen Felsen gehauen. Es gibt zwei Besichtigungsarten; ich entscheide mich für ein neues Transportmittel auf meiner Reise. Bei der anderen Variante wären wir links herunter gekommen, vor den Füssen vorbei gelaufen, und rechts wieder hoch gestiegen. Ich denke, mit meiner getroffenen Wahl sehe ich mehr.

Hellen ist in Leshan geboren und aufgewachsen. Sie führt mich in ein kleines Restaurant wo wir einen typischen lokalen Snack essen. Das „z’Vieri“ schmeckt sehr gut. Es hat vegetarische Spiesschen und solche mit Fleisch. Abgerechnet wird am Schluss: die kürzeren Stäbchen (Vegi) kosten 30, die längeren 50 Cents. In den beiden Schüsseln hat es verschiedene Saucen. Die in der rechten ist mit einem lokalen Pfeffer angereichert, der es sehr in sich hat.

Wir sind hier in der Provinz Sichuan, bekannt für die scharfe Küche. Gerne möchte ich die Spezialität, den Hot Pot, versuchen. Da dies für eine Person alleine nicht geht, frage ich Hellen, ob sich mich begleitet. Sie sagt zu. Nach dem Einchecken nehmen wir ein Taxi und fahren, weg von den Touristenrestaurants in der Nähe meines Hotels, in ein Restaurant, wo die Einheimischen Essen. Sie erklärt mir, dass es  bei der Schärfe drei Stufen gebe und fragt mich, welche ich möchte. Ich bin vorsichtig und entscheide mich für die Mittlere. Hellen bestellt nun verschiedenes Fleisch und Gemüse. Der Pot hat in der Mitte einen kleineren Teil, der nicht scharf ist, aber eine leckere Pilzsuppe hergibt. Der äussere, gewürzte Teil, wird nicht gegessen, dient nur zum Kochen vom Gemüse und Fleisch. Um das heisse Gut abzukühlen, erhalten wir Schälchen mit Sesamöl. Ich sehe, dass an den Nachbartischen alle noch einen Teller mit „etwas“ drauf haben. Hellen klärt mich auf, dass diese Art von Essen früher von den armen Leuten gemacht worden sei, die sich nicht die guten Fleischstücke leisten konnten. Deshalb hätten sie das ganze stark gewürzt, so eben auch das, was ich auf den anderen Tischen sehe. Heute sei es Tradition, immer auch noch einen Teller Entendarm zu bestellen. Hellen zeigt sich nicht Traditionsbewusst, sie esse das nicht, und ich muss ja auch nicht immer alles ausprobieren … Für sie ist die mittlere Schärfe nicht genug, weshalb sie zusätzlich roten Chili nimmt. Für mich hingegen stimmts, das spüre ich an der laufenden Nase, den Schweisstropfen auf der Stirn und den, von den Pfefferkörner, eingeschlafenen und irgendwie vibrierenden Lippen. Ich geniesse dieses Essen, das an unser Fondue Chinoise erinnert.

 

Emeishan "Morgenstund hat Gold im Mund", aber es soll nicht mein Tag sein heute. Wir wollen früh raus, deshalb bin ich um viertel nach sieben beim Frühstücksraum und stehe vor geschlossenen Türen, trotzdem es ab sieben Frühstück geben sollte. Ich mache einen Spaziergang. Zurück im Frühstücksraum, erhalte ich einen Tee aber, nachdem ich nach einer Viertelstunde noch nichts mehr bekommen habe, gehe ich ins Zimmer zurück. Als ich zur abgemachten Zeit nach unten komme, sitzen Hellen und Zang beim Frühstück. Ich will jetzt gehen und verzichte auf das Frühstück. Später hab ich das Gefühl, ich werde für einen Goldesel gehalten, muss ich doch in Kürze für 2 Bustickets (auch für Guide Hellen) 180 Yuan, einen Eintritt für 90 Yuan (Rentnertarif, die 90 von Hellen wieder reingeholt) und, freiwillig, das Gondelbahnticket für weitere 120 Yuan lösen, total 390 Yuan, mehr als 60 Franken.

Wir fahren mit dem Bus in rund zwei Stunden auf 2858 MüM hoch. Es sind gegen 50 Spitzkehren, trotzdem für einen Schweizer nichts Besonderes. Als zudem kurz nach dem Einsteigen ein chinesischer Guide mit Mikrofon und tragbarem Lautsprecher (wieso wird das nicht überall in China verboten?) eine gute halbe Stunde spricht, frage ich mich, wieso ich das mache. Als wir oben ankommen gehen wir, natürlich über Treppen, eine knappe halbe Stunde zur Talstation der Gondelbahn und lassen uns mit der auf 3079 MüM hochfahren. Endlich, oben werde ich entschädigt. Es hat hier drei Tempel, einen braunen, einen Goldenen und ...

... einen silbernen.

Nicht nur Buddha, auch das Wetter zeigt viele Gesichter.

Hellen hat für mich ein Ticket für eine Show besorgt. Nach einem Nachtessen, welches Hellen im Auftrag „meines Chinesen“ bezahlt (danke Christoph Mueller!), verabschiede ich mich und gehe zum Theater, lasse mir Platz sieben in der neunten Reihe zeigen und warte, neben einer Familie mit einem kleinen Mädchen welches schon vor der Vorführung wild herumturnt. Als die Vorführung um halb acht beginnen sollte, beginnt sie nicht. Als sie dann beginnt, beginnt sie anders. Ich denke, ich bin in einem falschen Film, werden doch Bilder versteigert. Endlich, um acht Uhr geht’s los. Es gibt Tänze, Gymnastik, Akrobatik, asiatische Kampfszenen, mit hinreissender Kulisse, schönen Farben und Musik, zum Teil sensationelle Leistungen, aber auch für mich nicht lustige und viel zu lange Clownerien mit viel Gesprochenem. Aber dann, der von Hellen voller Stolz als einzigartig angekündigte Maskentanz! In der Tat, absolut verblüffend. Die Darsteller können „irgendwie“ die Masken in Sekundenschnelle wechseln. Sie gehen sogar ins Publikum und lassen sich auf die Maske tippen und, „sim sala bim“ ist eine andere Maske da, oder das unbedeckte Gesicht. Hellen sagt, niemand ausser den Darstellern wüsste, wie das geht.

 

Diesmal hat‘s geklappt mit dem Frühstück. Ich entdecke sogar einen nach Leber schmeckenden Würfel; das sei aber Tofu, auf eine spezielle Art zubereitet. Wir verlassen Emeishan und fahren nach Yuejin, einem Kohledorf.

Das Dorf lebt vom Kohlegeschäft, den Arbeitern werden Wohnungen gebaut, Kino und vieles mehr.

Alles ist hier ein bisschen dunkler als anderswo, weil überall Kohlestaub liegt, aber die Aktivitäten gefallen mir.

Nun kommt unsere Lok. Diese Schmalspurdampfeisenbahn ist eine der wenigen weltweit, die noch regelmässig nach einem Fahrplan fährt.

Es gibt keine Strassenverbindung, deshalb dient das Bahntrasse als Ersatz

Unterwegs steigen wir aus und erhalten eine Show von unserer Lok geboten.

Von der Endstation Huang Cun laufen wir ins „Mao“ Dorf Bao Jiao Gou. Seit Ende der 80er Jahre, als die Mine geschlossen wurde, sind die meisten Arbeiter weggezogen. Zurück blieben ein paar Familien und Rentner. Es ist sehr still im Dorf, und das will in China etwas heissen. Es wirkt wie eine Geisterstadt, unverändert seit den Zeiten des Vorsitzenden Mao, der hier noch allgegenwärtig ist und auch die aufgemalten Parolen an den Hauswänden, wie zum Beispiel „Die kommunistische Partei ist dir näher als deine Eltern“.

Aber das Dorf zerfällt zusehends.

Wir essen nicht in der Arbeiterkantine von anno dazu mal, sondern lassen uns in einem kleinen „Beizli“ etwas kochen.

Danach fahren wir mit einer anderen Lok und Wagen zurück.

Zum Übernachten fahren wir nach Anren, wo ich in einem ehemaligen Herrschaftshaus übernachte. Schade, wir kommen spät an und so sehe ich vom reizenden Dorf nicht mehr viel.

 

Am Morgen müssen wir ohne Frühstück los, denn vor mir steht eine lange Fahrt. Zuerst fahren wir zur Panda Station in Duijiangyan. Jeder Panda lebt für sich alleine in einem Haus und einem Gehege. Nur zur Paarungszeit werden sie zusammengelegt. Darf ich vorstellen? Yuan Xin, männlich, geboren 28.7.2012:

Habe ich da nichts das Rascheln von Futter gehört? Also raus aus dem Haus und schauen, was es heute feines zu Futtern gibt.

Ich verabschiede mich von Hellen und Zang und wechsle in das Fahrzeug von meinem Tibeter, seinen Name lasse ich hier mal weg, man weiss ja nie, 44jährig, zwei Kinder, eine Frau, wie er mir schmunzlend sagt, spricht gut englisch. Eine lange und ermüdende Fahrt steht uns bevor. Wir sind immer noch in der Provinz Sichuan, aber nun im tibetischen Teil. Tibet besteht, wie ich lerne, nicht nur aus der ATR (Autonomic Tibetan Region), die Gegend auf dem Hochplateau von Lhasa. Bei einem Halt denke ich, ob wir nicht in Kanada sind. Es ist wieder kühler geworden, Schnee ist in Griffnähe. Nach sieben Stunden kommen wir in Jiuzhaigou an und da bin ich mitten in Gebetsflaggen, die mich von nun an einige Wochen begleiten werden. Leider ist nicht alles echt, was zu sehen ist. Die Chinesen machen mit der Tradition und der Religion der Tibeter ein Geschäft mit den chinesischen Touristen. Sie schrecken auch nicht davor zurück, als verkleidete Tibetermönche Zeremonien zu zelebrieren. Mein Fahrer ist geschockt als er das sieht und macht mit seinem Mobilphone ein Foto.

Das was ich schon am ersten Tag erfahre, stimmt mich nachdenklich und traurig: Ein Chinese könne ohne weiteres nach Lhasa reisen, ein Tibeter, wohnhaft ausserhalb der ATR, braucht eine Bewilligung. Ein Chinese könne mit einer Bewlligung zum Mount Kailash reisen, so wie ich auch, für einen Tibeter sei es schwierig, eine Bewilligung zu bekommen. Ein Chinese bekäme seinen Reisepass nach rund drei Arbeitstagen, die meisten Tibeter bekämen gar keinen Reisepass. Ich kann das Gehörte nicht überprüfen, weiss nicht, ob es so stimmt, kenne ja meinen Fahrer nicht.

 

89. Tag; 23. April 2015, ??? (zum ersten Mal weiss ich nicht, wo ich bin), Provinz Sichuan, China

Ihr seid sicher auch schon in Unterhosen und T-Shirt vor dem PC gesessen, oder? In diesem Tenue habe ich begonnen, diesen Bericht zu schreiben. Aber nicht lange, dann beginne ich zu schlottern. Ich habe zwar ein schönes Zimmer, für meine Begriffe sogar ein luxuriöses, aber es ist kalt. Das Thermometer beim Zimmertelefon zeigt 13°. Der Elektroofen ist zu wenig effizient, es im grossen, zum Korridor und Bad hin offenen Zimmer, es hat an drei Seiten Fenster, gemütlicher zu machen. Er schaffts auf 14°, mehr nicht. Ganz nah beim Ofen wäre es warm, aber das Kabel reicht nicht bis zum Schreibtisch. Also schlüpfe ich in meine Freizeithose und ziehe den Faserpelz an. Wieso denke ich auf dem WC an die geheizten Sitzringe in Südkorea?

Noch etwas ist speziell; ich weiss nicht wo ich bin. Gemäss meinem Programm wäre ich zwei Nächte in Jiuzhaigou; den Ort haben wir aber heute Morgen verlassen und bleiben nun zwei Nächte hier in ???

Am Morgen fährt mich mein Fahrer zum Jiuzhai Valley National Park wo ich feststelle, dass ich nicht alleine sein werde. Das Anstehen geht recht zügig und mit einem grosszügigen Bussystem bin ich bald in einem Bus, muss aber stehen.

Die Touristenmassen allerdings bleiben. Das merke ich beim ersten Stopp, wo ich eigentlich über einen Steg ans andere Ufer laufen will. Dicht gedrängt, drängelnd und stossend, geht’s in beide Richtungen. Das ist mir zu blöd, ich kehre um und laufe die 800 Meter zur nächsten Busstation, wo ich wiederum keinen Sitzplatz ergattern kann. Unabhängig voneinander bieten mir zwei Frauen ihre Plätze an. Krass, so alt sehe ich schon aus, ich lehne dankend ab. Wenn ich aber gewusst hätte, wie lange die Fahrt dauert, das Tal ist rund 30 Km lang, hätte ich das Altersangebot angenommen.
Am Ende angekommen stelle ich fest, dass es nicht viel anders aussieht als in der Schweiz, einfach mit viel mehr Chinesen. Zudem, Silvia und ich waren auch schon bei den Arvenseelein, die noch weniger Wasser hatten, nämlich keines. Ich laufe zur Bussstation, um einen Bus zurück zu nehmen. Diesmal finde ich einen Sitzplatz. Bei der Station, wo es am Morgen von Leuten nur so wimmelte, steige ich aus und, ich kann mutterseelenalleine über den Steg laufen.

Auf der Fahrt nach ??? halten wir bei einer Jak Herde an.

Im Hotel klappt es endlich wieder mal, die letzten vier Tagesberichte zu übermitteln. Dann ist es Zeit für ein frühes Nachtessen. In einer Strasse finde ich viele Restaurants, nun gilt es eines zu suchen, welches die Menüs als Bilder an der Wand hängen hat.

 

90. Tag; 24. April 2015, Chuanzhusi, China

Der Neunzigste Tag meint es gut mit mir, es ist ein aufstellender Tag; nicht nur, dass ich wieder weiss wo ich bin, nein, auch das Erlebte machte Freude. Wie üblich, starte ich den Tag mit zwei Nescafé. Habe kürzlich meinen Vorrat mit einer 30er Packung aufgestockt. Schon gestern merkte ich, dass die Kurzarmhemd-Zeit wieder vorbei ist und heute geht’s auf rund 4000 MüM, deshalb: Mammut Unterleibchen, Langarmhemd, synthetische Daunenjacke, Wind Stopper, dickere lange Hose und Wanderschuhe. Frühstück ist im Übernachtungspreis nicht inbegriffen. Macht nichts, wir fahren um acht Uhr ohne los.

Schon bei der Anreise am ersten Tag habe ich welche gesehen, sie wurden den Touristen zum Fotografieren angeboten. Gestern sahen wir ein junges auf der Weide, aber das sah noch nicht so Fabelwesen artig aus, deshalb bin ich bereit, auch dafür zu bezahlen. Ich wusste gar nicht, dass es solche Exemplare gibt. Sie seien selten und zufällig, die weissen Jaks. Gut investierte 10 Yuan, oder nicht?

Bald fahren wir stetig aufwärts und dann sind wir wieder im Winter.


Nach dem Pass geht’s wieder abwärts und wir gelangen zu meinem Ausflugsziel Huanglong. Ich kaufe mir ein Eintrittsticket, wieder zum Rentnertarif, und ein Billet für die Gondelbahn (Doppelmayr / CWA). Mit meinem Fahrer verbleibe ich wie gestern, wenn ich zurück bin, schreibe ich ihm eine SMS. Statt mit dem Bus zu fahren, laufe ich zur Talstation und stelle erfreut fest, dass ich, trotz vorhandener Infrastruktur, nicht anstehen muss. Von dort, wo ich die Aufnahme mache, würde es noch 45 Minuten dauern.

Oben angekommen, orientiere ich mich am Plan, wo mein Weg (gelb) durchgehen wird, und los geht’s, auf dem Holzplankenweg. Die Anzahl der Touristen bei der ersten Aussichtsplattform ist für mich absolut ertragbar. Nicht ertragbar ist für einige Leute offenbar die Luft, deshalb steht Sauerstoff gratis zur Verfügung.

Persönliches Anblicke wie diese sind für mich Motivation, meine Reise zu machen, sie entschädigen mich für vieles. Solche Momente sind wie die Kopulation von Träumen, Sehnsüchten und Fernweh und lassen mich ein grosses Glücksgefühl erleben. Aber ich fühle auch Wehmut, wohl deshalb, weil ich vermutlich Angst vor dem Zeitpunkt habe, wo ich all Träume gelebt habe, all meine Sehnsüchte gestillt sind und mein Fernweh verschwunden ist. Aber noch ist mein Traumbeutel ja nicht leer, und sehr vieles will ich mit Silvia, zuhause und in der Schweiz erleben.

Hallo Peking! Überprüft die Überwachungskamera, ob alle schön artig laufen?

Auf einer Fläche von über 6000 m2 hat es mehr als 400 Teiche, grössere, kleinere und kleinste. Von Januar bis Mai ist Trockensaison, deshalb sind sie leer ... „Please visit us again in June - October when the water is more rich.” Links wie es aussehen könnte, rechts davon, wie es heute aussieht. Wäre sicherlich cool, über die unzähligen, farbigen Teiche zu gehen.

Weiter unten hat es doch noch ein paar Ponds mit Wasser.

Nach zwei Stunden unten angekommen, erübrigt sich eine SMS, treffe ich doch meinen Fahrer zufälligerweise auf der Toilette. Wir fahren zurück und ich mache es mir im Hotelzimmer gemütlich.

Später gehe ich ins Dorf zum Essen. Eigentlich wollte ich das dritte Menu unten links. Aber das gibt es anscheinend nicht. Also dann das zweitletzte in der untenstehenden Reihe. Nicht in der Pfanne, das ist für eine Person zu viel, sondern eine Tellerportion. Ich weiss nicht was ich esse, es ist von einem grösseren Tier, wie mir gedeutet wird, wohl Kuh, Rind oder Yak, und irgendetwas aus dem inneren Bereich. Vielleicht hat es ja Kenner unter euch Lesenden. Mit 48 Yuan wesentlich teurer als die Nudeln mit Gemüse von gestern, die kosteten nur 18 Yuan, und, schmeckten irgendwie besser.

 

Persönliches Habe eine E-Mail wegen meiner Reise nach West Tibet erhalten: „… Gesten haben wir aus Tibet die Meldung erhalten, dass für Touristen ab sofort keine Toyota Landcruiser mehr zur Verfügung gestellt werden und nur noch in Minibussen/Vans gefahren werden kann. Ihre Reise in Tibet kann wie geplant durchgeführt werden, allerdings ist die Nordroute zum Kailash wegen den schlechten Strassen nun nicht möglich. Alle anderen Strecken (via Südroute) sind kein Problem …“. Sch….. ade, habe ich doch extra die Nordroute gewählt, weil die länger und abenteuerlicher ist und so auch eine Rundroute gemacht werden kann. Mit der Südroute hingegen verläuft ein Teil der Hin- und Retourfahrt auf der gleichen Route.

 

91. bis 93. Tag; 27. April 2015, Xiahe, Provinz Gansu, China

Chuanzhusi "Elektro-Ofen-Dauereinsatz-sei-Dank" ist es am morgen tatsächlich 18 Grad warm in meinem Zimmer. Ich nutze dies aus, um meine Haare zu waschen und sie, mangels Haartrockner, Lufttrocknen zu lassen. Um neun Uhr fahren wir los. Vor uns liegt keine lange Strecke, wir wollen nach Langmusi. Wir fahren über eine Hochebene, wo wir zeitweise Schneegestöber und Sonnenschein gleichzeitig haben.

Langmusi ist in die Provinzen Sichuan und Gansu aufgeteilt. In welcher Provinz unser Hotel liegt, das einem der beiden Klöster gehört, Sirti und Kirti, weiss ich nicht. Nach der Ankunft ziehe ich mir meine Wanderschuhe an und nehme den Rucksack mit, in den ich schon mal, mit Blick zum Himmel, den Regenschutz lege. In einem Geschäft kaufe ich Mineral und Biskuits. Dann steige ich auf der einen Dorfseite den Hügel hoch. Es wird viel gebaut wie ich sehe, und es hat viele Kloster Gebäude, die Klosterkomplexe sind gross.

Bei einem Restaurant steht "Coffee" angeschrieben, was bei mir spontan ein Bedürfnis weckt; ich kehre ein. Kaffee haben sie aber dann keinen, stattdessen nehme ich einen Assorted Chinese Herbal Tea und bestelle einen Hamburger mit Jak Fleisch. Der Tee schmeckt gut und auch der Burger, der aber keine grosse Ähnlichkeit zu einem Burger bei uns hat. Das Fleisch ist geschnetzelt und mit Chili und anderem vermischt. Das Brot, wieder mal Brot, ist ein Fladenbrot.

Danach laufe ich zum Dacanglang Kloster, auf dem Ticket steht Langmu Kloster, wohl tibetischer und chinesischer Name. Das Kloster wurde 1748 gegründet und ist eine der grössten tibetanischen Klosteranlagen, umfasst doch das Gelände 600‘000 m2.

Das Zeichen, von den Nazis missbraucht und berühmt-berüchtigt gemacht, ist ein uraltes Symbol der Bön, der ältesten praktizierenden Religion in Tibet. Es steht für "unzerbrechlich" und wird deshalb an Klosteranlagen, bei Häusern und bei Hochzeiten ("Marmor Stein und Eisen bricht, aber unsere Liebe nicht ...") verwendet.

Himmelsbestattungen - Zartbesaitete sollten diesen Teil überspringen und nach unten scrollen, bis nach dem zweiten Klosterpanoramabild.

 

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Ich habe meinem Fahrer zu Beginn gesagt, wie übrigens allen vorherigen englisch sprechenden Begleitern auch, dass ich die verschiedensten Themen ansprechen werde. Falls es für ihn zu heikel oder unangenehm sei, könne er mir dies ruhig sagen. Bei den Reisevorbereitungen stiess ich auf die Himmelsbestattungen. Ich erzähle ihm, was ich darüber gelesen habe, dass diese Art von Bestattungen vor allem deshalb zur Anwendung komme, weil Holz für eine Feuerbestattung Mangelware sei und für eine Erdbestattung der Boden im Winter zu hart sei. Er lächelt und sagt, das seien nicht die Gründe. Und in der Tat, was zu Hause noch plausibel tönte, widerspricht der Realität, hat es doch viele Bäume und es wird ja nicht nur im Winter gestorben. Irgendwie, so habe ich verstanden, sind die Menschen Teil des Universums. Nach dem Tod wird der Körper für die Wiedergeburt nicht benötigt, weshalb er, in einer Art Grosszügigkeit, den Vögel zum Fressen überlassen wird, die ihn so in den Himmel tragen, dem Universum zurück gegeben. Es ist schwierig, eine ganz andere Lebens- und Glaubenseinstellung auf die Schnelle zu verstehen, deshalb bürge ich für diese meine Worte nicht ...
Ich habe niemanden gefragt, wo eine solche Stätte sei. Aber auf meinem Rundgang über dem Dorf entdecke ich auf der anderen Seite des Dorfes eine Stelle mit vielen Gebetsflaggen. Sie liegt weit oben auf einem Hügel, der sich hinter dem Kloster erhebt.

Damit die Vögel den Leichnam mit in den Himmel nehmen können, wird er von einem speziellen Mönch, aber auch von Familienmitgliedern, zerkleinert. Viele verschiedene Werkzeuge liegen herum, sie können meistens kein zweites Mal mehr benutzt werden, weil sie zu stumpf sind, zudem persönliche Kleidungsstücke und Haushaltegenstände, auch einen Rollstuhl entdecke ich.


Nicht alle Teile werden von Geiern und anderen Vögeln mitgenommen, einige werden vor Ort gefressen und zurück bleiben Knochen in verschiedenen Grössen und von verschiedenen Körperteilen. Während ich die Stätte besuche, findet keine Himmelsbestattung statt, denn dann dürfte ich kaum hier sein, aber Geier sind trotzdem da.

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Diese Frau fordert mich auf, mit ihr zusammen die beiden Gebetsmühlen dreimal zu umrunden, was ich gerne annehme.

 

Persönliches Im Zimmer ist es wieder kalt, sehr kalt, und diesmal steht kein Ofen zur Verfügung. Ich ziehe über den Faserpelz noch die Daunenjacke an. Nach den verschiedenen Büroarbeiten bin ich unterkühlt, trotz Teetrinken. Für die Nacht entscheide ich mich, meine lange Thermounterwäsche zu reaktivieren, Sibirien lässt grüssen, darüber mein Nacht-T-Shirt und die Socken behalte ich gleich an. Vom zweiten Bett schnappe ich mir auch noch die Decke und hülle mich total ein. Es dauert eine Weile, bis ich nicht mehr kalt habe. Der Chili und Knoblauch, und wohl noch andere treibende Zutaten, machen sich bemerkbar. Das ist ja menschlich und stört hier keinen. Aber irgendeinmal schon, nämlich mich selber. Vakuum verpackt, und das Gesicht von der Kälte schützend auch halb unter der Decke, wird es mir luftmässig zu bunt. Ich lüfte die Decke und lasse für einen kurzen Moment wieder frische, aber halt kalte Luft unter die Decke (@ Wolfi: Frischluft, keine Aussenluft).

 

Am Morgen, zum Glück erst nach dem Kaffeekochen, habe ich keinen Strom. Es ist aber schon hell, so dass ich mich auch so arrangieren kann. Als ich in die Dusche steige, stelle ich fest, dass sie nicht funktioniert, es kommt kein Wasser, so gibts halt eine Handwäsche. Kurz darauf habe ich wieder Strom. Ich nützt dies aus, und versuche, diesen Bericht zu übermitteln ... leider erfolglos.

Mit Jamyang, für ihn sei es kein Problem, wenn ich ihn mit Name nenne und sein Bild auf meine Website nehme, mache ich einen Spaziergang durch die andere Klosteranlage, Eintritt 30 Yuan wie gestern bei der Konkurrenz. Bei der dahinter liegenden Schlucht hat es eine Höhle.

Danach laufen wir rund eine Stunde durch das enge Tal „… natural landscape is well known as Oriental Swiss …“. Es ist so, deshalb sage ich irgendeinmal, für diese Natur, zwar ohne Gebetsflaggen, hätte ich nicht so weit zu reisen brauchen. Wir kehren um und entscheiden spontan, heute schon weiterzureisen.

Xiahe Gegen drei Uhr kommen wir an. Wenn ihr eine Gebetsmühle braucht, gegenüber von meinem Hotel hat es ein entsprechendes Verkaufslokal.

Nach einem kurzen Erholungsschlaf zieht es mich wieder nach draussen. Es sieht für mich immer wie tibetischer aus, es gibt eben nicht nur die Region um Lhasa, die wir Westler schlechthin als Tibet bezeichnen.

Ich setze mich hin und geniesse den Anblick. Um die Pagode ist dauernd eine Menschenmenge in Bewegung. Ich schliesse mich den Umrundungen an.

Die Gebetsmühlen sind allgegenwärtig.

Dann laufe ich durchs Dorf, durchquere es und steige auf der anderen Seite auf einen Hügel hinauf, wo ich mich, wie Mönche, Einheimische und Touristen auch, in die Sonne setze.

Unüblich spät treffen Jamyang und ich uns, denn die englischsprachige Führung durchs Kloster Labrang, dem mit 1500 Mönchen grössten Kloster in der tibetischen Welt, findet erst um viertel nach zehn Uhr statt. Jamyang nimmt an der Führung nicht teil. Ich verabschiede mich von ihm und wir vereinbaren, uns morgen um neun Uhr für die Abfahrt zu treffen.
Nebst mir hat es noch andere Touristen, mehrheitlich Franzosen, die sich zur Führung einfinden. Ein Mönch begrüsst und uns beginnt die Führung durch die weiträumige Anlage mit vielen Gebäuden. Im Kloster werden an fünf Fakultäten verschiedenes Wissen an Kinder und Jugendliche vermittelt.

Im Haupttempel sind, wie unser Mönchsguide informiert, gegen 1000 Mönche beim Beten. Es ist ein spezieller Moment, eintreten zu dürfen und andächtig dem Murmeln der vielen Männer, darunter hat es auch Jugendliche und Knaben, beizuwohnen. Sie sitzen nebeneinander, in unendlich vielen Reihen, auf Kissen sitzend. Einige haben Gebetsblätter vor sich, einige sind nicht ganz bei der Sache, reden sie doch miteinander oder erwidern mein Nicken mit einem Lächeln. Während dem zweistündigen Gebet dürfen die Mönche Buttertee trinken. Ob jeder Mönch danach seine gleichaussehenden Schuhe wiederfindet?

Der Duft, der allgegenwärtig in der Luft liegt, aktiviert die Erinnerungen an meine Ladakh Reise. Er stammt von den (Jak-) Butter-Lampen. Aus dieser Butter werden auch die Kunstwerke gemacht, die in einem gekühlten Raum gelagert werden. Sie werden für spezielle Prozessionen hervorgeholt. Zwei Mönche arbeiten einen Monat lang an einem Werk. Die Jak-Butter erhalten die Mönche von den Gläubigern.

Nach der Führung miete ich mir beim Restaurant, wo ich gestern Abend gegessen habe, ein Velo und fahre damit bis an die beiden Enden des Dorfes. Dabei verabschiede ich mich unfreiwillig von meinem Sonnenhut. Mein Hotel wird umgebaut, aber glücklicherweise nur während dem Tag, in der Nacht ist es ruhig.

 

94. und 95. Tag; 29. April 2015, Tongren, Provinz Guizhou, China

Am Morgen, beim Packen, bin ich ein bisschen unruhig, denn meine Wäsche habe ich noch nicht zurück erhalten, und jedes Ding hat doch seinen Platz, beim Packen. Kurz vor neun Uhr öffne ich meine Zimmertüre und treffe draussen Jamyang an. Er habe die Wäsche bereits geholt und sie liege im Auto (beim Schreiben kommt mir in den Sinn, dass ich ihm die 23 Yuan noch nicht bezahlt habe). Kurz nach neun Uhr fahren wir in Xiahe los und kurz nach der Dorfausfahrt verpasst Jamyang, wegen ablenkenden Fragen meinerseits, die Abzweigung für die zwar kürzere Strecke, aber mit der schlechteren Strassenqualität. Er wendet und findet die Abzweigung. Bin froh, denn lieber Geschüttelt als viel Verkehr. Wir fahren durch karge Täler und breite Hochebenen. Die Fahrt gefällt mir.

Wir verlassen die Provinz Gansu und kommen in die Provinz Guizhou. Der Übertritt ist seh- und spürbar, ab der Brücke sind wir in Guizhou und die Strasse ist geteert.

Danach geht es stetig abwärts, wir kommen immer wie mehr ins Tiefland, auch dies ist seh- und spürbar, wird es doch merklich grüner und wärmer.

Im Hotel (links) checken wir ein. Klar doch, ob Wi-Fi und wie das Passwort lautet wird jeweils nach der Begrüssung als erstes erfragt. Danach lasse ich mein Langarmhemd und die Daunenjacke im Hotel und gehe in T-Shirt und mit Wind Stopper nach draussen. Das Angebot der Garage ist breit, aber Audi ...?

Viel gibt es nicht zu sehen, deshalb eine Mode Show meines gestern gekauften chinesischen Sonnenhutes in zwei möglichen Tragvarianten.

In einem grösseren Einkaufsladen kaufe ich ein, auch wieder Nescafé. Davon gibt es eine gelbe Packung, mit einer Kaffeebohne, der milde Kaffee. Die rote Packung, die ich bisher hatte, mit zwei Kaffeebohnen, also etwas stärkeren Kaffee. Wenn eine dritte Bohne angedeutet wird, muss es doch auch diese starke Variante geben. Bei uns würde ich einfach fragen „Haben Sie die 3-Bohnen-starke-Version auch?“ Und in Chinesisch? Ich versuche es und lege beide Packungen nebeneinander. Ich zeige auf der Packung die eine Kaffeebohne und sage „One“, zeige auf der anderen Packung die zwei Kaffeebohnen und sage „One, two“ und dann in der Luft „Three? One, two, three?“. Die Frau findet es lustig und wiederholt „One, two, three“. Ich schüttle den Kopf, zeige wieder auf die Bohnen und wiederhole "One, two, three!“ worauf sie auf die 30 auf der Packung zeigt, der Anzahl enthaltenen Tütchen. Ein Mann kommt dazu. Ich wieder „One, two, three!“, er zeigt mir den Preis. Ich lege die Eine-Bohne-Packung auf den Tisch, "One", die Zwei-Bohne-Packung mit einem Abstand in der Luft darüber, "Two" und deute mit den Händen und einem weiteren Abstand eine dritte Packung an, "Three?, one, two, three“. Er schüttelt den Kopf. Gut, ich hab’s wenigstens versucht, schnappe mir die gewohnte Zwei-Bohnen-Packung und schaue mich im Laden weiter um. Da kommt plötzlich der Mann zu mir und, was hat er in den Händen?, die Version mit den Drei-Bohnen!!! Ich bedanke mich, nehme diese Packung und lege die andere wieder zurück. Darauf erklärt er der Frau und anderen Mitarbeitern, längst hat sich eine Gruppe um uns versammelt, was der Fremde mit dem „One, two, three“ meinte und alle schauen mich nun verstehend und lächelnd an. Im Hotel versuche ich natürlich die starke Version, und sie hat tatsächlich ein bisschen mehr Geschmack nach Kaffee.

Jamyang, ich habe meine Wäsche-Schulden bei ihm beglichen, und ich gehen zum Rongwo Kloster, welches im Jahr 1301 erbaut worden ist. Rund 600 Mönche leben hier.

 

Während dem Rundgang kommen plötzlich viele Mönche vom zweiten Stock des Haupttempels runter und bilden auf dem Platz davor 2er Gruppen. Wie mir Jamyang erklärt, werden die Mönche nun debattieren. Der stehende Mönch gibt ein Thema vor und der Sitzende gibt seine Meinzug dazu ab. Argumente werden ausgetauscht, das für und wider abgewogen. Das Klatschen des Stehenden sei nur wegen der Action, damit Stimmung aufkommt.

 

Ich verabschiede mich von Jamyang, wir sehen uns morgens um 10 Uhr wieder, für den zweitletzten gemeinsamen Streckenabschnitt.
In einem Geschäft schaue ich zwei Künstler über die Schulter, die an Thangka arbeiten. Tongren sei bekannt für diese Art von Kunst. Das Wissen, die Handfertigkeit, wird von Generation zu Generation weiter gegeben. Die Thangka, das sind Bilder für Tempel und zu Hause für den Raum, der zum Beten benützt wird, werden von hier aus im ganzen tibetischen Raum, ja in die ganze Welt verkauft. Plötzlich ein grosser Lärm, ein „Geknalle“, Rauch. Mitten am Tag, mitten auf dem Trottoir eine Art Feuerwerk! Der Verkehr staut sich. Die Geschäfte lassen zum Teil die Rollländen runter. Der Grund? Weiss nicht.

 

96. Tag; 30. April 2015, Xunhua, Provinz Qinghai, China

Persönliches Tröstet euch, die runterscrollerei hat bald ein Ende, werde ich doch China am Sonntag verlassen und damit diese Seite schliessen ...

Ich komme mir vor, wie ich Ferien hätte, starten wir doch erst um zehn Uhr. Während der Fahrt sage ich zu Jamyang, wenn er jemals die Schweiz besuche, sei die Wahrscheinlichkeit gross, dass er die Natur so sehe wie sie hier aussieht, inklusive dem Regen. Kurz nach Mittag kommen wir bereits an. Xunhua ist der Geburtsort des 10. Penchen Lama, 1938-1989. Der Penchen Lama ist der zweithöchste Titel im tibetischen Buddhismus und eine wichtige Autorität bei der Anerkennung des Dalai Lama. Zurzeit existieren zwei Penchen Lama, der eine wurde 1989, nach dem Tod des zehnten, von der tibetischen Exilregierung anerkannt, sei aber seit seinem fünften Lebensjahr "verschwunden" (der jüngste politische Gefangene der Geschichte?), der andere wurde dann 1990 von der chinesischen Regierung anerkannt. Der höchste Titel und der religiöse Führer ist der Dalai Lama. Der Mönch Tenzin Gyatso ist seine Heiligkeit der 14. Dalai Lama, der 1959 fliehen musste und seitdem in Dharamsala, Indien, residiert.

Im Vergleich zu gestern ist hier vieles anders: Regenhut statt Sonnenhut, Kühe statt Jaks und Moscheen statt Tempel. Xunhua ist eine islamische Enklave Mitten in tibetischem Kulturgebiet.

Vorher und nachher - wegen "nachher" die Lücke bei "vorher"?

Bei einer der Moschee treffe ich auf freundliche Männer, die auch Freude an mir haben und am Porträtieren.

Am Ende meiner Erkundungstour habe ich Hunger und wiedermal Lust auf Reis, statt Nudeln; ich bestelle, gemäss meiner Interpretation des Bildes, Reis mit Peperoni und Rindfleischstücken. Die Zwiebeln nehme ich vor dem Essen weg.

Ungewohnter Baustil für ein Minarett, nicht?

 

97. und 98. Tag; 2. Mai 2015, Xining, China

Xunhua 1. Mai, Beginn der nationalen Feiertage in China; letzter Tag mit Jamyang, meinem tibetischen Fahrer. Es hat merklich mehr Autos auf den Strassen. Später, auf den, zur Feier des Tages gebührenfreien, Autobahnen, wo wir in einige Staus geraten, noch mehr. Mit dem chinesischen Fahrstil, prinzipiell habe ICH Vortritt, ist das Staufahren, drei Autos auf der zweispurigen Autobahn nebeneinander scheint normal zu sein, wie auch das unendliche Spurwechseln, eine nervlich aufreibende Angelegenheit, mindestens für mich, Jamyang ist die Ruhe selbst.

Der Yellow River zeigt sich eher grünlich.

Dann geht’s wieder aufwärts, ins Gebirge, mit Warnschildern von herunterstürzendem Gestein, wie bei uns auch.

Xining Im Hotelzimmer verabschiede ich mich von Jamyang. Es war eine spezielle Zeit mit ihm, dem gläubigen Tibeter, der ab und zu während dem Fahren leise gesungen hat. Wir haben einander viel aus den eigenen Leben erzählt, auch von den Träumen. Ein Audi sei sein Traumauto, wobei er weiss, dass er sich ein solches Auto nie wird leisten können; das sei doch so bei Träumen, sage ich ihm, und es sei gut, dass einige Träume Träume bleiben. Einen kleinen Traum will ich ihm erfüllen: In China sind eigentlich Bilder vom 14. Dalai Lama verboten (mit einer indirekten Suche im Internet, nicht mit VPN, komme ich auch im zensurierten China zu einem Bild), trotzdem sieht man sie doch relativ häufig. Das Gesetz ist das eine, die Umsetzung das andere. Irgendeinmal, als wir vor einem grossen Foto seiner Heiligkeit standen, erwähnte Jamyang, dass er sich ein solches Foto auch einmal kaufen möchte. Auf meine Frage, was es kosten würde, nannte er mit die Bandbreite des Preises. Beim Abschied gebe ich ihm die entsprechenden Yuan in die Hände und sage ihm, er solle sich damit ein grosses Bild ausdrucken lassen. Strahlend und mit seinem warmen Lächeln, bedankt er sich. Bye bye Jamyang, take care!

Die Visitenkarte vom Hotel auf mir, wie immer, für den Fall, dass ich den Heimweg nicht mehr finde, gehe ich nach draussen. Ich muss mich zuerst an das Grossstadtfeeling und an das, im Vergleich zu meinen letzten Stationen, immense Angebot wieder gewöhnen. Ich sehe aber auch viele Bettler, ältere Männer, Frauen und offensichtlich stark Verkrüppelte, die irgendwer, wohl Familienmitglieder, da hingelegt oder hingestellt haben.

Die einen haben Frühling, bei anderen ist die Zeit an Weihnachten stehen geblieben.

Schmuckgeschäfte mit Security, Outdoor Ausrüster, ausgerechnet mit diesem Brand, westliche Sportmarken, eine ältere Werbung für Apple ...

In den Unterwäscheshop gehe ich rein; Ueli trägt jetzt Cosmo Esquire. Das andersartige Essensangebot sticht ins Auge und kurz danach in den Bauch. Gestern kehrte ich bei Bills’ Palace ein und genoss wieder mal einen anderen Geschmack; scharfen Thai Style.

Und heute sehe ich plötzlich nur Fast Food Restaurants, ich werde tatsächlich schwach. Das „i-Tüpfchen“ setzte ich nach dem Hauptgang bei Best Food, mit einem Sundae Eis. Nicht, dass das Essen wirklich köstlich war, nein, aber es war köstlich, wieder mal einen anderen Geschmack zu geniessen. Aber, das scharfe rote Pulver mit der Knoblauchsauce vermischt, mmmhhh…

Für meinen Seelenfrieden, es stimmt aber alles mit ihm, hätte es in der Nähe meines Hotels die Nanguan Mosche und die DongGuan Mosche; bei letzterer fällt die Gebetshalle auf.

Plötzlich erschrecke ich, zucke zusammen! Ein Mann hat mit einem schwarzen Ding, das er zuerst auf einem Kohlefeuer erhitzt hat, einen Knall ausgelöst, als er es in den Stoffschlauch schob. Wisst ihr was er macht …?

Popcorn!

Ganz alleine, mitten auf einer grossen Kreuzung.

Mit einem Blick in die Zukunft Chinas ...

und einem in die Vergangenheit ...

verabschiebe ich mich von China. Wenn ich richtig gezählt habe, war ich insgesamt 44 Tage in China. Ich habe ein China mit vielen und sehr unterschiedlichen Gesichtern auf vielfältige Art kennen gelernt. Ein grossen Xie Xie nach Kunming zu Christoph Mueller, "meinem Chinesen", und seinem Team von Hiddenchina.net. Es war eine interessante, ungewöhnliche aber auch fordernde Reise, die er mir zusammengestellt hat. Besten Dank!

 

Morgen fahre ich mit der Tibet Bahn nach Lhasa, deshalb geht meine Reise unter Tibet weiter, wohl wissend, dass Tibet Teil von China ist.

 

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